Verfasst von: Gerhard Piezinger | 6. Februar 2021

190 Länder reichen nicht

Nie war ein konsequentes Umdenken bei der eigenen Unterrichtspraxis wichtiger als im Distanzunterricht. Die simple Abbildung des genau geplanten und gesteuerten Belehrungsunterrichts funktioniert in Videokonferenzen nicht mehr. Nie war es für Schüler leichter, sich einfach auszuklinken: Zuerst Video und Mikrofon, dann ihre Aufmerksamkeit. Wer wollte ihnen das verdenken, mehr als eine Stunde passiver Informationsaufnahme vor einem Bildschirm halten wir Erwachsenen ja auch kaum aus.

In dieser Ausnahmesituation des Kontrollverlusts auf Seiten der Lehrkräfte im Vergleich zur physischen Präsenz wird es geradezu unabdingbar, unsere Schüler zu möglichst selbstständigem Arbeiten anzuleiten. Es ist wohl so ein Lehrerding, sich gerne über ihre – sich vor allem jetzt manifestierende – mangelnde Selbstständigkeit zu beschweren, dabei aber zu ignorieren, dass diese auch gelernt, trainiert, eingefordert und konsequent weiterentwickelt werden muss.

Anders formuliert: Obwohl die Unterrichtsmethode der direkten Instruktion im Präsenzunterricht tatsächlich häufig zu Unrecht kritisiert wird, erreicht sie im Distanzunterricht schnell ihre Grenzen.

Ich habe einen ersten Schritt in Richtung Projektunterricht mal im Alleingang probiert: Meine 9. Klasse Englisch sollte in Zweierteams selbsterfundene Länder detailgenau beschreiben. Als Grundlage der Beiträge wurden Weltregionen gewählt, in denen sich das fiktive Land befinden sollte. Als Präsentationsform haben wir ein Weblog gewählt, die Beiträge sind natürlich anonymisiert und zur Registrierung bei WordPress.com haben wir Müll-Mailadressen benutzt.

Ziel dieses Experiments war der Gedanke, dass sich die Schüler genau über die geografischen, geschichtlichen, wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen Hintergründe der Nachbarländer ihrer Phantasiestaaten erkundigen und kreativ ein nicht existierendes Land entwerfen sollten, das es tatsächlich geben könnte.

Angesichts der doch recht anschaulichen kreativen Ergebnisse will ich aber auch nicht verschweigen, dass es über ein Drittel der Schülerteams  trotz genauer Arbeitsanweisungen, Terminabsprachen und meinem Korrekturservice nicht geschafft hat, einen in Inhalt und Form passenden Beitrag zu erstellen. Manchen Beiträgen sieht man auch das alte Gruppenarbeits-Problem an, dass einer was tut und der andere gar nichts. Was für mich sicher kein Vorwurf an die Schüler ist, sondern die Frage nach dem „Warum“ aufwirft: Auch das Arbeiten in Teams ist im Unterricht – auch in meinem – augenscheinlich viel zu lange vernachlässigt worden.

Eine große Hürde stellt im Augenblick auch dar, dass unsere Schüler und wir Lehrkräfte es nach jahrelanger Prägung gewohnt sind, Schulunterricht als Abfolge voneinander völlig unverbundener Fächer wahrzunehmen. Dass Geschichte, Biologie, Geografie, Musik, Wirtschaft und Recht, Physik, Fremdsprachen und andere ja nur die verschiedenen Facetten derselben Welt darstellen und im richtigen Leben ja auch eine Einheit bilden, dieses Bewusstsein muss erst langsam hergestellt werden. Von Seiten aller Beteiligten. Vielleicht war es von meiner Seite deshalb sogar fast unfair, diese Kompetenz zunächst nur von Schülerseite eingefordert zu haben, woher sollen sie das auch können? 

Bei nächsten Mal wird dann alles besser, dann in der Absprache unter den Kollegen, die meine 9. Klasse unterrichten. Vielleicht irgendwann auch mal wieder im Präsenzunterricht. Um das verknüpfte, fächerübergreifende und selbstständige Lernen führt auf Dauer ohnehin kein Weg mehr vorbei.


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