Verfasst von: Gerhard Piezinger | 4. Juli 2020

Teams und mebis: Ergänzen statt ersetzen

Mitte März: Die Schulen werden geschlossen. Ohne Vorwarnung. Digitaler Fernunterricht von heute auf morgen. 1,2 Millionen Schüler/innen und 95.000 Kolleg/innen in 55.000 Klassen in 4.500 bayerischen Schulen wurden mit wenigen Ausnahmen ins kalte Wasser geworfen. Kein Wunder, dass unsere offizielle Lernplattform mebis unter dem Ansturm schon am ersten Tag in die Knie ging und mehrere Wochen nur phasenweise und somit kaum sinnvoll nutzbar war.

Das Kultusministerium gab in dieser schwierigen Situation überraschenderweise unverzüglich die Nutzung von Microsoft 365 (damals Office 365) für staatliche Schulen frei. In den Augen vieler Kollegen ein längst überfälliger Schritt, den die meisten anderen europäischen Länder längst vollzogen hatten.

Natürlich standen viele Lehrer/innen, die eine ernsthafte Integration digitaler Medien in den Präsenzunterricht oder unterrichtsbegleitend bisher jahrelang vor sich her geschoben hatten, jetzt erst einmal vor der Wahl, sich in die eine oder die andere Plattform einzuarbeiten.

Die Funktionalitäten von Teams und mebis überschneiden sich tatsächlich in gewissen Punkten, in vielen anderen aber kann keine der beiden die andere wirklich ersetzen, wenn man im digitalen Unterricht eine möglichst große Auswahl an Methoden und Möglichkeiten nutzen will.

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Unschlagbar ist Teams bei der Kommunikation innerhalb von Lerngruppen, die in Videokonferenzen, Einzel- und Gruppenchats in Echtzeit erfolgen kann. Das liegt im Wesentlichen daran, dass Teams eine App und mebis nur eine Webplattform ist. Teams ist in seiner Funktionalität schon sehr nahe an Messengerdiensten wie WhatsApp und somit unseren Schülern völlig geläufig. mebis, das Kommunikation nur über E-Mail abbilden kann, ist da hoffnungslos unterlegen. Die Integration der Videokonferenz-Software BigBlueButton in mebis, über die es bislang nur vage Gerüchte gibt, wäre natürlich ein gewaltiger Schritt nach vorne.

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Ähnlich ist es mit dem Austeilen, Einsammeln, Korrigieren und Zurückschicken von schriftlichen Arbeitsaufträgen. In Kombination mit OneNote-Kursnotizbüchern erreicht Teams eine Effizienz, die meines Wissens von keiner anderen Plattform geboten wird. Es entfällt jedes Dateihandling, jedes „Abgeben“, „Einsammeln“ oder „Austeilen“, es wird einfach nur gearbeitet.

Ein sehr vielversprechender Ansatz findet sich dazu auch auf mebis (Aktivität „Aufgabe“), die ebenfalls den Umgang mit Dateien überflüssig macht und die handschriftliche Korrektur von PDFs erlaubt. Durch die Beschränkung der Bedienung der Weboberfläche im Browser erreicht diese Funktion allerdings bei Weitem nicht die Eleganz der MS365-Lösung.

Gleichstand in Sachen Funktionalität und Nutzerfreundlichkeit erreichen beide Plattformen bei den zur Verfügung stehenden Kalendern, der Einrichtung und Verwaltung getrennter Gruppen und bei der Nutzung von Foren. Wobei die „Foren“ von Teams eher mit WhatsApp-Gruppen vergleichbar sind, also kaum eine komplexere Struktur zulassen. Da hat mebis mit seiner Webforen-typischen Darstellung die Nase vorn. Der größte Vorteil von mebis ist hier sicherlich, dass sich Beiträge bearbeiten/korrigieren und vom Lehrer löschen lassen.

Bei Teams ist überhaupt die Arbeit im Wesentlichen chronologisch strukturiert. Die Aufgliederung in Kanäle zu bestimmten Einzelthemen ist ein kleiner Ansatz zur Ordnung nach thematischen und inhaltlichen Kriterien, erreicht aber bei Weitem nicht das Niveau eines echten LMS (Learning Management System). Für die Ablage von Dateien gibt es nur die Auswahl zwischen einem Anhang im Chat oder in einem etwas angestaubt wirkenden klassischen Dateisystem mit Verzeichnissen und Unterverzeichnissen, was 2020 sehr enttäuschend ist: Keine Zwischenüberschriften zur Strukturierung, keine Informationen zur Datei außer dem Dateinamen, keine Möglichkeit zur mehrmaligen Verknüpfung  an anderen Stellen.

Der größte Vorteil von mebis ist die Integration von interaktiven Elementen. Wikis, Tests, interaktive Übungen mit H5P, Glossare, Abstimmungen – all diese zentralen Möglichkeiten von digitalem Lernen sind auch durch extensive Verlinkungen auf Angebote im Web nicht zu organisieren. Ein Beispiel für das strukturierte Zusammenspiel all dieser Aktivitäten habe ich bereits an anderer Stelle beschrieben.

 

Natürlich hat so eine Gegenüberstellung etwas von Äpfel und Birnen: Teams hat seine Wurzeln in der Koordinierung von Projekten in großen Unternehmen und Organisationen. mebis ist eine Lernplattform, maßgeschneidert für die Begleitung des Präsenzunterrichts. Reinen Fernunterricht können beide notwendigerweise nicht zu 100 Prozent abdecken. Mein Traum wäre eine vollwertige mebis-App, die auch Systemfunktionen wie Handschriftunterstützung, das Teilen zwischen Apps und die Mitteilungsfunktion nutzen kann.

Die Kernanforderungen – (Echtzeit-)Kommunikation einerseits, Struktur und Interaktivität andererseits, das ist in der aktuellen Situation nur in einer Kombination aus beiden zu erreichen.


Responses

  1. Guter Artikel! Haben Sie denn einen Tipp, wenn man in die Arbeit mit Teams einsteigt, wo man sich über die Anwendung im Unterricht zielführend informieren kann (oder muss man hier wieder mit viel Zeit selber alles ausprobieren?). Danke I.Thomas

    • Bei uns hat die Einrichtung ein externer Dienstleister übernommen. Die Bedienung ist ziemlich selbsterklärend. Der Einsatz im Unterricht zu individuell, als man das von anderen lernen wollte. 👍

  2. Danke.

  3. Man hat bei Teams nicht die Wahl zwischen Dateiablage in „einem veralteten Dateisystem“ oder dem Anhängen einer Datei im Chat. Immer wenn man eine Datei als Anhang im Chat beifügt, dann landet diese automatisch in der dazugehörigen Dateiablage. Im Chat ist diese dann nur verlinkt. Und: Man kann sehr wohl die Dateien in der Dateiablage mehrfach innerhalb desselben Teams mit der Teilungsfunktion verlinken.

    • Was nichts an der Feststellung ändert, dass diese Art der Dateiablage ein bisschen nach der Jahrtausendwende müffelt. 😬

  4. Mebis ist schulübergreifend nutzbar, Teams nicht. Mediatheken und Youtube sind über mebis werbefrei abrufbar.

  5. MS Teams ist nicht rechtskonform einsetzbar (Berliner Datenschutzbeauftragte). Macht euch nicht von diesen Konzernen abhängig, irgendwann stellen die auf Bezahlen um, vorher vermessen sie die Teilnehmer.

    • Ich verlasse mich da ganz naiv auf meinen Dienstherren. Was anderes bleibt einem kleinen Beamten, der nur seine Schüler und seinen Unterricht im Auge hat, nicht übrig.

  6. Toller Artikel – vielen Dank! Ich bin auch unbedingt für eine Kombination aus beiden Tools!! Wer hört uns?


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