Verfasst von: Gerhard Piezinger | 10. Februar 2019

Die Verlage kommen in die Gänge

Spricht man Kollegen, Freunde oder Eltern auf das Thema „Tablets im Unterricht“ an, kommt normalerweise als erste Reaktion: „Super, endlich keine Schulbücher mehr schleppen.“ Leider müssen wir dann oft die Erwartungen enttäuschen, weil die Schulbücher schlicht und ergreifend von den Verlagen nicht digital angeboten werden.

Die gute Nachricht: Genau das ändert sich gerade massiv. Grund dafür ist die Umstellung des bayerischen G8-Lehrplans auf den „LehrplanPLUS“ im Rahmen der Wiedereinführung des G9 im bayerischen Gymnasium. Damit geht auch eine neue Lehrbuchgeneration einher. Die etablierten Verlage nutzen nun die Umstellung zu einer breit angelegten Digitaloffensive. Offenbar ist inzwischen genügend Nachfrage da, um sich mit einem umfangreichen digitalen Angebot gegenüber der Konkurrenz in diesem Markt behaupten zu können. Die Entscheidung über die zukünftigen Lehrbücher treffen schließlich die Kollegien an jeder einzelnen Schule, und die wollen überzeugt werden.

Für das Fach Englisch, das bereits das zweite Jahr (aktuelle Klassen 5 und 6) mit den neuen Lehrbüchern unterrichtet wird, stehen diese inzwischen zur Verfügung. Sowohl Klett („Green Line“) als auch Cornelsen („Access“) sind hier die Marktführer. Grund genug, mal einen Blick auf die beiden Angebote mit Hinsicht auf die Verwendbarkeit in zukünftigen Tabletklassen zu werfen.

Die Fragen nach den Kosten der unterschiedlichen Lizenzmodelle lassen ich hier weg, diese sind bestenfalls für Schulleitungen interessant. Fest steht natürlich, dass für Schüler bzw. Eltern die bisherige Lernmittelfreiheit weiter besteht.

Fangen wir mal mit Cornelsen an. Digitale Lehrbücher vertreibt der Verlag über seine Plattform „Scook“, genutzt werden sie in der gleichnamigen App. Das E-Book der Reihe „Access“ bietet auf den ersten Blick schon mal die Möglichkeiten, die man von einer digitalen Ausgabe eines Papierbuchs erwarten kann: Schnelles Blättern, Durchsuchbarkeit nach beliebigen Wörtern, Lesezeichen, automatisches Öffnen der letztgenutzten Seite, handschriftliches Ergänzen (Stift)/Markieren (Textmarker) und das selektive Löschen der eigenen Einträge. Folgenloses Herumkritzeln im Buch ist also möglich – mal schauen, wie wir diese Möglichkeit später sinnvoll in den Griff kriegen …

Cornelsen_Access

Darüber hinaus schaut es allerdings ziemlich mau aus. Von Interaktivität oder Medieneinbettung keine Spur. Nun gut, Medien sind letztlich wahrscheinlich auch eher im Präsenzunterricht interessant – wer hört sich schon den Lektionstext zu Hause an? – , aber mit der 1:1-Umsetzung eines Papierbuchs ohne weitere Aufbereitung ist hier wirklich gerade mal das Minimum des Erwartbaren umgesetzt. Das Ganze immerhin solide, flüssig, zweckmäßig und auch optisch durchaus ansprechend.

Klett hat mit seinem aktuellen Green Line in der Klett-App darüber hinaus mehr zu bieten. Neben den beschriebenen Grundanforderungen sind auch Hörtexte und kleine interaktive Übungen zum Lektionsinhalt integriert. Medien können in der Klett-App gesondert auch für die Offline-Verwendung heruntergeladen werden.

Klett_Green_Line

Wirklich enttäuschend ist bei Klett im augenblicklichen Entwicklungsstand die Handschriftunterstützung. Mehr als Gekrakel ist hier kaum möglich. Für ein paar Pfeile oder Linien reicht es gerade so, aber vernünftige Arbeit schaut anders aus. Da hat Cornelsen die Nase weit vorne.

Die Voraussetzungen sind jetzt tatsächlich da, um das Papierbuch aus dem Unterricht zu verbannen. Ein entscheidender Schritt allerdings fehlt bei beiden Anbietern noch: Die Split-Screen-Fähigkeit der Apps auf dem iPad. Erst dann könnte rechts das Schulheft und links das Buch benutzt werden. Sind wir wieder auf papiererne Heftführung zurückgeworfen, müssten wir auf wesentliche Vorzüge (1) (2) von Notizen-Apps gegenüber Papier wieder verzichten.

Diese Eindrücke geben natürlich nur den Ist-Stand von Mitte Februar 2019 wieder. Die Funktionalität und die Inhalte der Schulbücher können ständig vom Verlag optimiert und erweitert werden. Punkt für Klett – das Interesse an der kontinuierlichen Weiterentwicklung scheint mir da erheblich ernsthafter zu sein: Die letzte Aktualisierung ist noch nicht mal zwei Wochen alt, bei Cornelsen tut sich seit fast eineinhalb Jahren gar nichts mehr.


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