Verfasst von: Gerhard Piezinger | 5. November 2018

Klassenarbeiten der Zukunft

Eine Warnung vorweg: Es folgen ein paar noch ziemlich unausgegorene Gedanken zu Klassenarbeiten, in Bayern Schulaufgaben genannt, im digitalen Unterricht. Sie sind also eher Denkanreiz als Konzept, eher Diskussionsgrundlage als Plan für die Zukunft.

Schulaufgaben haben sich seit Jahrzehnten bewährt und liefern – im Gegensatz zu Exen – fast immer sehr aussagekräftige Informationen zum Leistungsstand der Schüler und der Klasse in dem jeweiligen Fach. Deshalb steht ihre grundsätzliche Notwendigkeit bzw. Nützlichkeit nicht in Frage. Eine digitale Anfertigung ist derzeit weder erlaubt noch wirklich sinnvoll.

Denkt man die Digitalisierung des Unterrichts mal in die Zukunft weiter, so gibt es keinen Zweifel, dass Schulaufgaben in den kommenden Dekaden anders aussehen werden. Und zwar ziemlich sicher digital. Verschiedene kleine Bausteine, aus denen sie bestehen könnten, stehen sogar schon heute zur Verfügung. Fünf von ihnen möchte ich hier kurz vorstellen. Die Aufgabe der nächsten zehn Jahre könnte tatsächlich sein, diese Bausteine zu einem Gesamtkonzept zusammenzuführen.

Folgende Überlegungen beziehen sich auf den mir geläufigen Fremdsprachenunterricht, aber ich bin mir sicher, dass andere Fachdidaktiken den Prinzipien zumindest folgen können.

OCR

• Die Umwandlung eines handgeschriebenen Texts in digitalen Text funktioniert bereits verblüffend gut. Wobei es egal ist, ob man handschriftlich auf Papier (einfach abfotografieren oder effizienter als heute einscannen) oder handschriftlich auf einem Tablet schreibt. Computertext ist für viele Korrektur- und Analyseverfahren notwendig.

• Multiple-Choice-Aufgaben zu Hör- oder Textverstehen sind die klassische Domäne elektronischer Systeme. Auch wenn Ankreuz-Prüfungsformen der Ruf nachhängt, recht einfach zu sein, kann ich aus meiner Unterrichtspraxis versichern, dass dem keineswegs so sein muss. Ganz im Gegenteil, der Lehrer kann diese durchaus äußerst komplex gestalten. Für Zuordnungs-, Ausschluss- oder Kategorisierungsaufgaben gilt dasselbe: Die Möglichkeiten sind längst da.

• Lückentexte sind – auf Bairisch gesagt – eh eine gmaahde Wiesn. Der Lehrer muss im Vorfeld ein bisschen überlegen, welche Lösung richtig (1P.), nicht ganz falsch (0,5P.) oder falsch (0P.) ist – das ist aber bereits gelebte Praxis in interaktiven Exen. Kein Problem also. Ganz elegant wäre es natürlich, Lücken handschriftlich auszufüllen, eine OCR-Funktion (siehe oben) läuft drüber und setzt die Buchstaben als Digitaltext ein:
Test-HS

• Ganz futuristisch wird es bei (im Augenblick noch undenkbaren!) Ausspracheübungen. Das gute alte Diktat könnte unter umgekehrten Vorzeichen (der Schüler spricht!) eine Renaissance erleben. Jedes Smartphone und Tablet beherrscht schon heute eine Diktierfunktion in den verschiedensten Sprachen. Warum sollte ein Schüler in einer Schulaufgabe nicht einen vorgegebenen Text auf sein Gerät einsprechen und es wird geschaut, zu wieviel Prozent es zur phonetischen Übereinstimmung mit der Fremdsprache kommt? Die Vorbereitung auf die Sprech-Prüfung muss nicht im Präsenzunterricht geschehen. Technische Unterstützung durch In-Ear-Kopfhörer, ein Mikro mit Nebengeräusch-Unterdrückung, eine eingeübte Programmierung nur auf die eigene Stimme und eine Zeitbegrenzung (alles bereits verfügbar!) könnte in der Zukunft auch in Schulaufgaben das akustische Chaos von 28 gleichzeitig sprechenden Schülern in den Griff kriegen.

• Schülertexte sind also heute schon analysierbar hinsichtlich der Rechtschreibung, der Breite des Wortschatzes (wie viele verschiedene Wörter kommen vor?) und sogar der stilistischen Qualität. Am weitesten in der Entwicklung der Korrekturhilfen ist meiner Erfahrung nach die Autorensoftware Papyrus:

Papyrus

Natürlich sollen die Schüler während des Tests nicht mithilfe dieser Funktionen schreiben. Diese Analysewerkzeuge könnten in eine Software zur Korrekturhilfe integriert werden.

Bald lässt sich mit den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz sicher auch die Textqualität (inhaltliche Stringenz, sinnvolle sprachliche Übergänge, logische Schlussfolgerungen) in einer Weise quantifizieren, die dem bisher vielleicht manchmal auch subjektiven Lehrerurteil gleichkommt – oder dieses sogar übertrifft. Ein erster Schritt ist in Papyrus ebenfalls schon integriert. In fünf farbkodierten Stufen wird die Lesbarkeit eines jeden Absatzes in Prozent angezeigt:

Papyrus - Silanalyse

Eine ganz grundsätzliche Kenntnisnahme dieser Perspektiven würde ich mir natürlich von mebis wünschen, unserer einzig datenschutzrechtlich wasserdichten schulischen Lernplattform hier in Bayern. Dazu müsste man natürlich weg von einem Webdienst hin zu einer App, am besten plattformunabhängig, die allen genannten Anforderungen gerecht würde, sei es Offline-Modus oder die Nutzung der gerätespezifischen Handschrift- und Spracherkennung, langfristig sogar einer integrierten Stilanalyse à la Papyrus. Der Zugriff über einen Webbrowser hat sicherlich keine Zukunft für neu gedachte Prüfungsformate.


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