Verfasst von: Gerhard Piezinger | 23. Juli 2017

Antwort an Josef Kraus

Offene Antwort an Josef Kraus

Sehr geehrter Herr Kraus,

sosehr ich Ihre Positionen und Beiträge zur Bildungsdiskussion der letzten dreißig Jahre schätze, haben Sie sich in Ihrem Beitrag im Weserkurier am 20. Juni doch in eine Haltung verrannt, die meiner Meinung nach völlig fern jeder Realität ist. Ich gehe Ihre Aussagen auf der Basis meiner Erfahrungen in unserer Tabletklasse mal Punkt für Punkt durch:

Kraus

  • Sie bezeichnen die Digitalisierung leicht abfällig als „Hype“. Meiner Überzeugung nach ist die Digitalisierung aller Lebensbereiche, die vielleicht gerade an ihrem Anfang steht, weit mehr als das. Es ist ein Leitmedienwechsel, ein Paradigmenwechsel, ein nicht umkehrbarer Umbruch, dessen Auswirkungen sich im Augenblick gerade erst abzeichnen. Gerne wird nicht ohne Grund die Parallele zur Erfindung des Buchdrucks oder der beginnenden Industrialisierung zitiert. Diese Entwicklung einfach als „Hype“ vom Tisch zu wischen ist nicht nur realitätsfremd, sondern für uns Lehrer, die wir Schüler aufs Leben vorbereiten sollen, geradezu fahrlässig und unprofessionell.
  • Sie zeichnen ein Bild der „Medienindustrie“, die in Bildungspolitikern willfährige Befürworter ihrer kommerziellen Interessen gefunden hat. Ebenso könnte man die „Buchindustrie“ zum Buhmann der Verhinderung jeder Weiterentwicklung der Schule abstempeln. Beides sind unsinnige Pauschalisierungen, die weder Lehrern noch Schülern im Tagesgeschäft in irgendwelcher Art weiterhelfen.
  • Ihre (durchaus berechtigte) Skepsis begründen Sie mit einer Grundschulstudie. Aufgabe der Grundschule ist traditionell die Vermittlung der Grundfertigkeiten Lesen-Schreiben-Rechnen. Daraus zu schließen, dass der Einsatz von digitalen Medien in weiterführenden Schulen somit grundsätzlich einzuschränken sei, erscheint mir sehr gewagt.
  • Gerne lade ich Sie in eine Unterrichtsstunde in unserer Tabletklasse ein. Fragen Sie ruhig auch unsere Schüler, ob diese ihren Unterricht als „Edutainment“ (wieder so ein Schlagwort) garniert mit „Info-Häppchen“ empfinden. Wobei es sicher auch interessant wäre zu ergründen, ob diese Häppchen-Vorstellung nicht auch auf den traditionellen Unterricht der letzten Jahrzehnte zutrifft.
  • Sie schreiben, die „zwischenmenschliche Kommunikation“ werden eingeschränkt. Das ist meiner Beobachtung der jungen Generation nach definitiv falsch. Ganz im Gegenteil, es wird durch WhatsApp und Co. heute vielleicht mehr kommuniziert als früher, das Medium ist halt ein anderes. Wenn Sie in der Öffentlichkeit nur scheinbar isolierte Smombies wahrnehmen, kommunizieren diese meist tatsächlich in Gruppen mit ihren räumlich entfernten und fast ausschließlich persönlich bekannten Freunden. Wobei die Hinwendung zu einem schriftlichen Medium anstelle des rein akustischen Telefons uns Lehrern eigentlich gefallen sollte. Könnte. Müsste.
  • Sie schreiben, Aufgabe der Schule sei es, die „Sucht“ nach dem Digitalen einzudämmen. Diese ist allerdings kein neues Phänomen. Ganze Generationen wurden von ihren Lehrern als süchtig bezeichnet: Nach Radio, Comics, Fernsehen und Telefon. Und aus allen ist schließlich was geworden. Konsequenz kann doch nur sein, diese Sucht gewinnbringend zu kanalisieren, also den Schülern aufzuzeigen, wie die digitale Welt quasi unbegrenzte Möglichkeiten des Wissenserwerbs und der persönlichen Weiterentwicklung bietet. Gerne auch in zunächst recht streng umgrenzten Lernräumen, später aber mit zunehmender Eigenständigkeit. Genau darauf zielt in meiner Einschätzung das Konzept der „Medienkompetenz“, und ich sehe keine Alternativen zur gesteuerten und konsequenten Einbindung digitaler Inhalte in den Unterricht.
  • „90 Prozent der Eltern sehen keinerlei Bedarf, ihre Kinder über die Risiken der Mediennutzung aufzuklären.“ Abgesehen davon, dass ich diese Zahl stark anzweifle, ziehen Sie die falsche Schlussfolgerung. Die Konsequenz kann für uns Lehrer nämlich nicht das selbstgefällige Kritisieren und die pauschale Ablehnung dieser Entwicklungen sein, sondern gerade diesen Eltern zur Seite zu stehen und die digitalen Möglichkeiten für das schulische Lernen zu erklären und strukturiert zu nutzen. Wenn man das Digitale aus der Schule verbannt, werden YouTube und Co. zum reinen Freizeitvergnügen abgestempelt, anstatt es konstruktiv für die eigene Arbeit zu nutzen.
  • Was „cool“ und „easy“ ist, darauf hatte die Schule nie einen Einfluss. Das definieren die Jugendlich seit ewigen Zeiten gottseidank schon selber.

Zusammenfassend lese ich aus Ihrem Beitrag nicht nur die in Deutschland leider viel zu häufig dominierende Skepsis gegen jede Art von Veränderung und Weiterentwicklung, sondern auch genau diese Art von Bedenkenträgertum und Kulturpessimismus, die gerade auch uns Lehrer leider häufig auszeichnet. Führen wir uns immer wieder das berühmte Sokrates-Zitat vor Augen:

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

… und arbeiten wir gemeinsam daran, wie wir in Zeiten des digitalen Umbruchs unsere Schüler auf dem Weg zu mündigen, selbstdenkenden Individuen begleiten können. Damit wäre schon viel gewonnen.


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