Verfasst von: Gerhard Piezinger | 16. November 2013

Digitale Schulbücher reloaded

Eineinhalb Jahre nach der Vorstellung der Initiative digitale-schulbuecher.de der deutschen Schulbuchverlage kommt jetzt langsam Schwung rein. Zunächst konnten die Lehrbücher nur auf Desktopsystemen angezeigt werden, seit Anfang des Schuljahrs gibt es jetzt endlich die lang erwartete App für Android und iOS.

Das Beste vorneweg: Im Augenblick sind die digitalen Ausgaben der Schulbücher noch für jedermann kostenlos verfügbar! In einer ersten Erprobungsphase wollen die Verlage offenbar die Akzeptanz ihrer Werke testen und zählen auf das Kundenfeedback, bevor sie damit ernsthaft Geld verdienen werden. Ich habe mir die aktuelle App natürlich angeschaut, hier ein paar Bildschirmfotos aus Green Line New 6 Bayern (10. Klasse):

Image

So gut die Idee natürlich ist, endlich auf dem Markt der digitalen Schulbücher Fuß zu fassen, so enttäuschend ist auch der erste Wurf.

Im Einzelnen:

• Zumindest für Bayern stehen die Lehrwerke in Englisch und Französisch erst ab Klasse 10 zur Verfügung. Für uns ist das Angebot also aktuell uninteressant.

• Beim jedem Start der App muss der Schüler sein Kennwort für diesen Dienst erneut eingeben. Das ist lästig und ärgerlich – Apps wie Musik, Mail oder Facebook verlangen trotz der geschützten/gekauften Inhalte ja auch nicht jedes mal die Eingabe eines Passwortes.

• Die Bildschirmdarstellung der Schriften ist unscharf. Offenbar basiert das verwendete Format nicht auf dem vektorbasierten PDF, das eine auflösungsunabhängige Darstellung ermöglichen würde.

• Die digitalen Schulbücher bieten keinerlei Mehrwert gegenüber ihrem Papier-Pendant: Keine interaktiven Tests am Ende einer Lektion, keine Abfragemöglichkeit von neuer Grammatik bzw. Wortschatz, keine multimedialen Elemente wie Audioversionen der Lektionstexte oder Videos, keine Weblinks – wirklich gar nichts, was dem Medium gerecht würde.

• Es gibt zwar eine Funktion, die handschriftliches Bearbeiten erlaubt, aber: Es gibt weder eine Möglichkeit, Stifteingaben zu widerrufen („Undo“), noch einen Radiergummi bzw. Tintenkiller. Die einzige Möglichkeit nach einem unbedachten Wischer ist es, alle handschriftlichen Anmerkungen auf der Seite zu löschen!

Spätestens bei dem letztem Punkt disqualifiziert sich die App vollständig für den praktischen Einsatz in einer digital ausgestatteten Klasse. Die App der Lehrbuchverlage kann weniger als ein normales, statisches PDF des Lehrbuchs in einer aktuellen Notizbuch-App und ist von den multimedialen Fähigkeiten von iBooks, wie Apple sie bereits Anfang 2012 skizzierte, noch Lichtjahre entfernt. Es heißt also weiter: Abwarten, wie sich das noch entwickelt. Schade.


Responses

  1. Hallo Herr Piezinger,

    ich habe mir Ihr Projekt angesehen und nehme wahr, dass es auch Sie noch auf der Suche nach Inhalten mit echtem digitalem Mehrwert sind. Sie haben natürlich recht: Die PDF eines analog konzipierten Schulbuchs ist schlicht und einfach kein digitales Schulbuch!

    Wir vom Institut für digitales Lernen in Eichstätt haben jetzt für das Fach Geschichte das – wie wir meinen – erste „echte“ digitale Schulbuch herausgebracht. Es heißt „mBook“ und ist ein Medium, dass von Anfang an und konsequent digital gedacht und produziert wurde.

    Es wäre toll, mit Ihnen darüber ins Gespräch zu kommen. Gerne könne Sie sich vorher unter mbook.schule ein Bild davon machen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Johannes Grapentin
    Institut für digitales Lernen

    • Lieber Herr Grapentin,

      ich gebe Ihr auf den ersten Blick sehr ansprechendes Angebot natürlich gerne an die Geschichtskollegen und die Schulleitung weiter. Sie hören von uns!

  2. Toll! Ich würde mich freuen, mit den Geschichtskollegen zu sprechen. Beste Grüße und viel Erfolg weiterhin bei Ihrem Projekt. Die Richtung stimmt!
    JG


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