Verfasst von: Gerhard Piezinger | 7. Mai 2018

Die öffentliche Wahrnehmung

Die Lesesucht

Auch und vor allem die Jugend betreffend wurde das viele Lesen stark kritisiert. Beneken* argumentiert auf psychopathologischer Ebene. Seinen Beobachtungen nach sei die Jugend „verlohren — ohne Rettung verlohren.“ Weiterhin diagnostiziert er „unüberwindliche Trägkeit, Eckel und Widerwillen gegen jede reelle Arbeit […] ewige Zerstreuung und unaufhörliche Ratlosigkeit der Seele, die nie eine Wahrheit ganz fassen, nie einen Gedanken ganz fest halten kann.“ Dies seien die unvermeidlichen Folgen der Lesesucht.

*Georg Wilhelm Friedrich Beneken, frühes 19. Jhdt. https://de.wikipedia.org/wiki/Lesesucht

An Ostern gab die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, ihre Pläne für Deutschlands Schulen bekannt. Gerade Tablets standen im Mittelpunkt ihrer Umbaupläne.
Die Resonanz auf ihre Äußerungen ließ nicht auf sich warten. Da dieses Thema unser iPad-Projekt direkt betraf, tauchte ich ab in die Kanalisation des Internet: Die Foren der Nachrichtenportale. Trete vor die Bühne der Besserwisser. Der schreienden Experten für alles. Dorthin, wo jeder seine zufällig irgendwann gebildete Meinung zu egal welchem Thema einfach mal rausrotzt, ohne sich mit den Details der jeweiligen Sachlage jemals ernsthaft beschäftigt zu haben.

Hier ein paar Anmerkungen zu den Meinungsäußerungen im Forum zum Beitrag der Welt.de zu diesem Thema.

 
1Mir ist in all den Jahren noch kein Fall zu Ohren gekommen, in denen ein Tablet in der Schule beschädigt wurde.

Ein iPad in der Normalgröße ist nur unwesentlich kleiner als eine Schulbuchseite und hat den riesigen Vorteil, dass man Teile der Seite vergrößern kann.

Den Sonnenschutz gibt es bereits, er heißt Außenjalousie. Netzteile brauchen wir auch nicht, die Schüler kommen mit voll geladenen Geräten, die Akkus halten auch nach drei Jahren noch locker sieben Stunden oder mehr. Probleme mit leeren Akkus haben wir im Zeitalter der USB-Zusatzakkus praktisch keine. Weniger jedenfalls als mit vergessenen Heften in Papierklassen.

Einen Schulserver brauchen wir auch nicht, entscheidend ist allerdings leistungsfähiges W-LAN und ein schneller Internetzugang.

 

 

 

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Doch, aktuell für 349,- Euro + 99,- Euro für einen Stift. Ja, auch die Microsoft- und Samsungstifte arbeiten sehr schön. Kosten auch ähnlich viel.

Updates gibt es bei Apple vier bis fünf Jahre lang. Das aktuelle iOS 11.3 läuft z.B. noch auf einem iPad Air von 2013.

Custom-ROM ist wohl irgendein Hack. Nix für mich, nix für uns in der Schule.

Akkus leben ziemlich lang, siehe oben. Laptop-Funktionen haben wir bisher nicht vermisst – ganz im Gegenteil: Die Tastatur-Maus-Zentrierung dieser Geräte verhindert eher den intuitiven Umgang mit den Inhalten.

Die Laptop-Tablet-Hybride (Convertibles) sind außerdem zu schwer und zu teuer für unsere Zwecke.

Ihre Enttäuschung mit dem iPad betrübt mich, sie stehen halt leider ziemlich alleine da.

 

 

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Bei kurzfristigen Stromausfällen würde höchstens der Beamer ausfallen, die Tablets arbeiten mit Akkus. Bei längeren Stromausfällen (ein sehr theoretischer Fall!) hätten wir ganz andere Probleme.

Unsere Schüler reden, schreiben und rechnen übrigens auch ganz ohne Stromantrieb. Ihre Hände wirken nach einer flüchtigen Kontrolle während des Unterrichts augenscheinlich nicht verformt, systematisch überprüft habe ich das allerdings nicht.

Zum Optiker: In unserem Unterricht wird nicht stundenlang nur aufs Display gestarrt. Dass das Display schädlicher als Buch und Heft sein soll, ist wissenschaftlich nicht nachweisbar. Stundenlanges Sitzen ist sehr schlecht, war aber schon immer so. Alternative Vorschläge sind aber willkommen.

In unserer Schule wurden meines Wissens noch nie Schränke gebaut.

 

 

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Der Punkt „Gewicht des Schulranzens“ hat sich nach vielen Elterngesprächen tatsächlich als wichtiger erwiesen, als wir Lehrer das so glaubten.

Die Entlastung der Schülerrücken ist bereits jetzt Realität: Das Tablet ersetzt einen ganzen Schwung von Haus- und Schulheften, den Atlas, Stifte, Tippex, Schere etc. Alleine die Stiftsammlung in OneNote würde kaum in einen ganzen Ranzen passen.

Die Erleichterung wird mit der neuen Lehrbuchgeneration noch deutlich spürbarer, die Bücher für den neuen G9-Lehrplan sind von den meisten Verlagen in ihren Apps digital verfügbar. Die jetzigen Fünfklässler in Bayern können demnächst auf noch erheblich leichtere Schulranzen hoffen.

 

 

 

 

 

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Nein, „brauchen“ tun sie das nicht. Möglicherweise noch nicht mal zum Lernen. Vielleicht auch keine Tafel, kein Heft oder sogar keine Bücher – jeder lernt anders.

Lernen war immer „Schnick-Schnack“: Papier, Stift, Tafel, Tageslichtprojektor … Wir nennen das übrigens „Lernmittel“.

Mit Stift, Papier, Zirkel und Lineal arbeiten auch unsere Schüler und lesen „normale“ Bücher. In den Tabletklassen ab der Mittelstufe dann vielleicht etwas weniger mit Zirkeln in Papierbüchern.

Klassischer Whataboutism: Gibt’s nicht wichtigere Probleme? In den Schulen steht zur Zeit zurecht die Digitalisierung im Fokus, und darum kümmern wir uns. In unserem kleinen Bereich. Wie alle anderen Branchen in ihrem auch.

 

 

 

6.pngUnsere Mittelstufler kommen aus der Grundschule und gymnasialen Unterstufe und bringen Lesen/Schreiben/Rechnen bereits mit. Wir entwickeln diese Fertigkeiten dann weiter, auch mit digitalen Möglichkeiten.

Der Verweis auf Studien hat ohne Hintergrund (Wer? Wann? Wo? Methodik? Veröffentlichung? Rezeption? Finanzierung?) in Diskussionen keinerlei Relevanz.

Gerade Erarbeiten und Selbermachen ist mit unseren digitalen Infrastruktur in einem vorher nicht denkbaren Rahmen möglich geworden.

Mit „Hat es uns geschadet“ haben mir gegenüber schon ältere Herrschaften physische Gewalt in der Schule, also Tatzen, gerechtfertigt.

 

 

Mir ist bereits wiederholt aufgefallen, dass Menschen das Bildungssystem, in dem sie selbst großgeworden sind, im Nachhinein als das „allerbeste“ bezeichnen. Es hat ja schließlich so großartige Menschen wie sie selber hervorgebracht. Danach ging es bei jeder Umstellung und Neuerung nur noch bergab – alle immer blöder und die Standards immer niedriger. Und das seit hunderten von Jahren.

Kann man so sehen und sogar Geld damit machen: Manfred Spitzer (sehr lesenswerter Artikel übrigens!) lebt davon. Nur tut man unseren Kindern damit keinen Gefallen. Schade, Chance vertan.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 22. April 2018

Bildbasiertes Geschichtenerzählen reloaded: Emojis im Englischunterricht

Nach inzwischen tatsächlich schon fünf Jahren wird es Zeit für eine kleine Rückschau anhand eines Beitrags vom Februar 2013.

Damals wie heute geht es um dieselbe Übung aus unserem Lehrbuch, nämlich um eine Reihe von Textfragmenten, die von den Schülern in vollständigen Text umgesetzt werden soll. In dieser Einheit geht es um den vom Deutschen abweichenden Gebrauch der englischen Artikel. Es empfiehlt es sich, die Übung zunächst im Klassenrahmen ein- oder zweimal ganz klassisch durchzugehen. Das Ziel in der Vertiefungsphase ist es nun, den kompletten Text ohne die Textvorlage vorzulesen, nur anhand der eigenen Notizen – die allerdings keine geschriebenen oder getippten Buchstaben oder Zahlen enthalten dürfen.

Unser Arbeitsumfeld hat sich inzwischen weitgehend von Notability in Verbindung mit Mebis (Moodle) hin zu OneNote verschoben. Im Vergleich zu vor fünf Jahren ist die Nutzung von Emojis im Leben unserer Schüler natürlich massiv angestiegen, weshalb es mich nicht überraschte, dass sie sich Schüler weit überwiegend – ohne Arbeitsanweisung zur Umsetzung – sofort auf diese stürzten. Auch die Zeichnungen sind inzwischen erheblich detailgenauer und liebevoller; kein Wunder, benutzt doch die Mehrzahl inzwischen den Apple Pencil. 

Emojis

Wie so häufig hat mich der Einfallsreichtum der Schüler verblüfft: Als Merkhilfe für „Cameron“ wurde eine Kamera benutzt, drei Hände für die Zahl 15 oder ein Spiegelei für „Ich“ (genau, „I“ …)

Wer rausfindet, wie der Hirsch zu „Dear Thomas“ passt, bitte eine Nachricht in den Kommentaren hinterlassen.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 3. März 2018

Ungewohnt neuvertont

Wieder eine neue Idee, die im Gespräch mit Kollegen entstanden ist: Statt dem rein passiven Anschauen von Erklärvideos – was natürlich punktuell durchaus nützlich sein kann, sei es im Unterricht oder beim „Flipped Classroom“ – oder dem Filmen und Nachvertonen z.B. eines Versuchs durch die Schüler kann man

  • das Videomaterial auch aus dem Internet (YouTube, Vimeo) holen,
  • die akustische Erklärung aus dem „Off“ stummschalten,
  • das stumme Video den Schülern bereitstellen
  • und neu besprechen lassen.

Das Endergebnis ist meist dann doch erheblich anschaulicher und professioneller.

Neuvertonung.png

Natürlich überspringt diese Methode die Vorteile, die sich bei einer völlig freien Produktion eines Lernvideos ergeben: Die eigene Strukturierung und somit Durchdringung des Stoffs, also die Reduktion des Inhalts auf das Wesentliche, sowie die Fragen nach der grafischen Gestaltung.

Andererseits sind diese Aspekte sicherlich nicht in jeder Unterrichtssituation wirklich wesentlich, zumal sie einen entscheidenden Nachteil haben: Sie sind äußerst zeitintensiv. Kosten also Zeit, die im Unterricht oder bei den Hausaufgaben letztlich fehlt – ein Aspekt, den Lehrer gerade im G8 immer auch im Blick behalten sollten, haben wir doch alle nur 24 Stunden Zeit am Tag. Viele Inhalte in den verschiedenen Fächern profitieren also sicherlich von der strukturellen und grafischen Unterstützung.

Interessant wird sicher, wie unsere Schüler diese Aufgabenstellung angehen. Bei komplexeren Inhalten wird es sicher nötig sein, auch das Originalvideo bereitzustellen. Auch wenn man bei einfacheren Beschreibungen davon ausgehen muss, dass die Schüler das Originalvideo samt Tonspur finden, ergibt sich beim zwangsweise selbstständigen Einsprechen ein Lerneffekt.

Technisch reichen für die Umsetzung auf einem iPad tatsächlich die Bordmittel: Man „filmt“ mit der eingebauten Bildschirmaufnahme im Kontrollzentrum (Wisch vom unteren Bildschirmrand) das Video im Vollbild, exportiert es in iMovie, beschneidet Anfang und Ende und löscht die Tonspur (Lautsprechersymbol links oben). Das fertige Video landet automatisch wieder in „Fotos“ und kann jetzt einzelnen Schülern, ganzen Gruppen oder der ganzen Klasse bereitgestellt werden.

Allerdings Vorsicht: Die so selbsterstellten Videos dürfen aus Urheberrechtsgründen nicht länger als fünf Minuten sein und natürlich nicht außerhalb des Klassenzimmers und schon gar nicht auf Videoplattformen veröffentlicht werden.

Soweit die Idee – wir werden über die Umsetzung weiter berichten!

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 28. Januar 2018

Von Papier in OneNote

In Zeiten des stürmischen Leitmedienwechsels kommen Brückentechnologien besondere Bedeutung zu. Wo der Alltag häufig noch von auf Papier gedruckten Informationen geprägt ist, deren Ablage, Strukturierung und Nutzung aber zunehmend digital erfolgt, spielt die Umwandlung von Druck- in editierbaren Maschinentext eine zentrale Rolle, wie hier bereits 2016 beschrieben.

Neu ist 2018, dass inzwischen auch der Umweg über OfficeLens entfallen kann: OneNote setzt nun tatsächlich in Fotos abgebildete Texte in mehreren Sprachen in frei weiterverarbeitbare Texte um.

OCR

Leider ist die Funktion im Augenblick noch auf die Desktop-Vollversion unter Windows angewiesen, aber angesichts des Entwicklungseifers, den Microsoft ihrer Notizverwaltung widmet, sollte eine Umsetzung auf Mobilsysteme nur eine Frage der Zeit sein.

Zumal OneNote hinter den Kulissen offenbar jetzt schon Fotografien einliest: Eine Suche auf dem iPad nach einem Wort spuckte bei mir kürzlich bereits ein Ergebnis auf einer hastig abfotografierten Schulbuchseite aus …

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 19. Januar 2018

Comic reloaded

Auf den Tag genau fünf Jahre nach dem ersten Versuch in diese Richtung hat eine unserer Tabletklassen nun erneut versucht, einen Lehrbuchtext in einen Comic umzusetzen. Die Ziele sind damals wie heute die gleichen:

Etwas kreativere Aufgaben rund um Lehrbuchtexte gehören schon seit längerem zum Standardrepertoire der Lehrbuchverlage. Nachspielen, erzählen aus der Sicht einer der Figuren, ein anderes Ende formulieren, all dies mit dem Zweck, dass die Schüler den Text auch im Detail verstehen und zu eigenständiger Sprachproduktion gebracht werden.

Einen Comic aus freier Hand zu zeichnen ist – ebenso damals wie heute – für den Großteil der Schüler allerdings unbefriedigend. Nur mit einer außergewöhnlichen zeichnerischen Begabung würden sie es überhaupt schaffen, die Figuren von einem Bild zum nächsten wiedererkennbar darzustellen – geschweige denn deren Gesten oder Gefühlsregungen. Software zur Gestaltung von Bildgeschichten ist hier also ein willkommenes Hilfsmittel: Die Figuren sind aus verschiedenen Perspektiven verfügbar, skalierbar, Sprechblasen sind mit einem Tipp eingefügt und selbst bei In-App-Kauf-Software, die fürs Speichern Geld verlangt, kann man das Ergebnis via Bildschirmfoto speichern.

In den vergangenen fünf Jahren haben sich außerdem die Rahmenbedingungen und die verfügbare Software stark verändert. Konnten wir damals die gleiche Software für alle benutzen, musste bei unserer heterogenen Arbeitsumgebung mit iOS- und Android-Geräten der Arbeitsauftrag freier formuliert werden: Bitte sucht eine geeignetes Programm im App-/Play-Store, oder alternativ ein interaktives Webangebot. Oder nutzt unsere Bordmittel wie OneNote, das ja mit den „Aufklebern“ einen Satz Comic-ähnlicher Figuren bereitstellt.

>St Dominic

Die individuell sehr verschiedenen Umsetzungen sind meiner Meinung nach wirklich ansprechend. Wie auch ältere, erfahrenere Kollegen bestätigen werden: Lässt man den Schülern immer wieder mal einen kreativen Freiraum, kann man über die Ergebnisse oft nur staunen. Und gerade das gehört zu den schönsten Augenblicken im Lehrerdasein.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 26. Dezember 2017

Der Augenblick der Wahrheit: Die Schüler haben das Wort

Nur die Evaluation des bisher Erreichten liefert den Lehrern der Tabletklassen eine solide Grundlage, ihre zukünftigen Arbeitsweisen kontinuierlich zu verbessern und weiterzuentwickeln. Und seien es nur kleine Schritte – die Binsenweisheit, dass Stillstand immer Rückschritt bedeutet, ist gerade im Zeitalter der Digitalisierung wahrer als je zuvor.

Auf Basis einer anonymen Umfrage in den 8. und 9. Klassen, die im letzten Jahr mit Tablets arbeiteten, will ich hier die relevantesten Erkenntnisse zusammenfassen. Vielen Dank an meinen Kollegen Nils Bödeker für die umfangreiche und zeitraubende Erhebung!

Die oft zur Auswahl stehenden vier Antwortmöglichkeiten „trifft ganz zu/trifft eher zu/trifft weniger zu/trifft nicht zu“ habe ich hier zur Vereinfachung unter „Ja“ (links) und „Nein“ (rechts) subsumiert.

Evaluation_2017Was die Geräteauswahl betrifft, dominieren die iPads im Verhältnis 27:11. Wenn die jetzigen Tabletschüler den zukünftigen ein Gerät empfehlen könnten, erhöht sich das Verhältnis sogar zu 32:3, wobei es hier drei Enthaltungen gab.

  • Alle Schüler (100%) haben „den Umgang mit dem Tablet im Unterricht schnell gelernt“. Dem gegenüber stehen 19%, die sich am Anfang des Schuljahres eine ausführlichere Einführung wünschen würden. Wir werden künftig sicher mehr dazu anregen, sich anfangs gegenseitig bei der Bedienung zu helfen, um die vier Fünftel am Anfang nicht zu langweilen.
  • Die erhöhte Arbeitsmotivation – wie Lehrer und Eltern wissen, ein zentraler Punkt in allen 8. und 9. Klassen, ob digital oder analog – bestätigen 71% der befragten Schüler. Wobei es einen Unterschied zwischen der 8. Klasse (77%) und den 9. (54%) gibt.
  • Der Aspekt der Differenzierung („Ich kann im eigenen Tempo arbeiten“) schlägt sich mit 73:27% nieder. Da haben wir sicher noch Potenzial nach oben. Wobei sich ein kleiner Widerspruch erkennen lässt, wenn 97% gleichzeitig angeben, „mit dem Tablet im Unterricht selbstständig arbeiten zu können.“
  • Bei der „ordentlicheren Heftführung“ ist das Verhältnis immerhin 74:26%.
  • „Häufiger fremdbeschäftigt“ haben sich ein Drittel unserer Schüler. Wobei in der Fragestellung offen bleibt, ob dies im Vergleich zum früherer Papierunterricht interpretiert wurde oder die Ablenkbarkeit immer schon bei einem Drittel war – ein in dieser Altersstufe nicht gerade neues Phänomen. Oder anders rum formuliert: Spiegeln zwei Drittel nicht-häufig fremdbeschäftigte Mittelstufenschüler nicht die Realität an unseren Schulen wider?
  • Weiterempfehlen würden die Tabletklasse ingesamt 92% der befragten Schüler. Die Skepsis ist bei den Neuntklässlern etwas höher (nur 82%) als bei den Achtlern (96%). Liegt dieser Unterschied an der alterstypisch erhöhten Kritiklust an einfach allem, was mit Schule zu tun hat, oder an den inzwischen natürlich weiterentwickelten Arbeitsweisen im neuen Jahrgang, oder an den eingesetzten Lehrern, oder an der verbesserten Infrastruktur?

Alles in allem ist das Ergebnis doch sehr ermutigend. Wir werden auf alle Fälle versuchen, beim nächsten Mal auch die Einschätzungen der Eltern zu erheben, deren Feedback in der ständigen Weiterentwicklung und Optimierung unseres Unterrichts eine wesentliche Rolle zukommt.

Seien Sie auch im nächsten Jahr wieder dabei, wenn wir die dann inzwischen vier Tabletklassen wieder evaluieren!

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 5. November 2017

H5P – ein neuer Werkzeugkasten für Mebis

Die Lernplattform Mebis ist und bleibt leider die graue Maus beim schulischen Computereinsatz: Sie ist für weniger IT-affine Lehrer ohne Denk- und Übungsaufwand nicht intuitiv erschließbar und für Schüler sperrig in der Handhabung. Einen Mebis-Kursraum wirklich attraktiv zu gestalten erfordert ein HTML-Wissen (CSS), das man unmöglich selbst von engagierten Lehrern erwarten kann. Da Mebis auf dem Open-Source-Projekt Moodle basiert, kann man natürlich keinen Workflow kommerzieller Anbieter à la Office365 erwarten – alleine die Moodle-App für mobile Betriebssysteme ist ein Witz mit Anlauf. Aus Schülerperspektive wird deshalb Mebis wohl immer den muffig-biederen Geruch von „Schulsoftware“ behalten, die im Schatten der kommerziellen Internet-Glitzerwelt von Spotify, Snapchat, Google Docs und Co. steht.

Bei strikter Auslegung aller Datenschutzvorgaben an bayerischen Schulen bleibt Mebis neben dem kaum praktikablen E-Mail dennoch die einzig akzeptable Plattform, um mit Schülern online zu arbeiten. Und auch Mebis entwickelt sich kontinuierlich positiv weiter! Im Sommer wurden z.B. die Funktionalitäten der vollständig auf HTML5 basierenden Lernsoftware H5P nahtlos in Mebis integriert. Die Bereitstellung von Lückentexten, Zuordnungsübungen, Lernkarten, interaktiven Bildern und vielem anderen geht damit wirklich äußerst fix von der Hand. Auch Lehrer ohne tiefere IT-Kenntnisse können mit vertretbarem Zeitaufwand zu sehr ansehnlichen Ergebnissen kommen. Alleine Lückentexte erforderten vorher einen gewaltigen Aufwand, den man sich selbst als geübter Kollege nur ungern ein zweites Mal antat.

70 H5P in mebis

Im Beispiel hier dauert es vielleicht zwei Minuten, um sich einen Text zu suchen, bei Mebis/H5P einzufügen und ein paar Lücken zu definieren. Wobei nebenbei die Wikipedia in einfacher Sprache (simple.wikipedia.org) für Unter- und Mittelstufe immer eine perfekte Quelle ist.

Ein weiterer Schritt ist getan, um sich langsam von altbackenen, unendlich komplizierten und oft noch dateibasierten Moodle-Aktivitäten wie „Test“ oder „Datenbank“ zu lösen. Angestaubte Aktivitäten, die auf heutige Teenager wie Dinos aus den nie selbst erlebten End-90ern wirken müssen.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 1. Oktober 2017

OneNote auf dem Vormarsch

Unser altgedientes Mebis, die Moodle-Instanz des Kultusministeriums, gerät im aktuellen Projektverlauf zunehmend in Bedrängnis. Der neue Star bei vielen der inzwischen 23 Lehrkräften in Tabletklassen (ausgenommen Religion und Sport) ist zweifellos Microsoft OneNote. Natürlich sind wir jetzt am Ende der dritten Unterrichtswoche noch nicht in alle Möglichkeiten dieser Notizverwaltung vorgedrungen, aber unsere ersten Gehversuche sind schon sehr ermutigend.

onenote
Grob vereinfacht gesagt ist OneNote die Summe aus Notability (oder jeder anderen Notizblock-App) und der Lernplattform Mebis. Beide können in ihrem Bereich separat natürlich weit mehr als OneNote, der Gewinn für den Unterricht besteht bei uns allerdings durch die Schnittmenge. Alle Hefteinträge, Schülernotizen, gemachten schriftlichen Übungen oder kreativen Werke unserer Schüler stehen dem Lehrer automatisch zur Einsicht zur Verfügung – wenn sie in den vorgegebenen Ordnern „Schulheft“ bzw. „Hausaufgaben“ abgelegt werden. Die auf Dauer für Lehrer und Schüler doch recht ermüdende Prozedur des dateibasierten Uploads auf Mebis entfällt also komplett. Um eine Notiz (Zettel, PDF, Arbeitsblatt, Übung etc.) herunterzuladen, braucht ein Schüler also nicht mal mehr zunächst den Webbrowser, um die Notiz in seine Schreibapp weiterzuleiten und an der richtigen Stelle zu speichern – sie ist einfach schon an der richtigen Stelle da.

Wobei die genannten „Notizen“ weit mehr sind als schnöder Text – sie können Bilder, Weblinks, Videos, Audioausschnitte, To-Do-Listen, handschriftliche Notizen und im Prinzip alles enthalten, was auf einem Computer darstellbar ist. Und von den Schülern sofort beliebig bearbeitet werden. Egal ob auf iOS, Android, in einem separaten Desktop-Programm oder sogar im Webbrowser. Vorgemacht hat diese geräteunabhängige Arbeitsweise bereits die App Evernote, die es aber nie geschafft hat, den Kerngedanken auf eine schultypische Umgebung (Klassennotizbuch) umzusetzen.

Über die – soll ich jetzt wirklich „microsofttypischen“ sagen? – Ungereimtheiten, Stichwort „Unterstrich am Anfang einfügen, um die alphabetische Sortierung zu überlisten“ will ich mich zunächst gar nicht groß auslassen, schließlich zählt das zweifellos schlüssige Gesamtkonzept.

Wie man den „Platz zur Zusammenarbeit“ für kollaborative Arbeitsweisen nutzen kann, darüber werde ich demnächst hier berichten.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 3. August 2017

Schritt für Schritt zum Tabletlehrer

Schon länger wollte ich mal eine Art Überblick zusammenstellen, was den Unterricht in unseren Tabletklassen ausmacht. Ohne mich dabei in Details zu verlieren und auf alle Fächer einigermaßen übertragbar. Gerade letzteres ist angesichts der völlig unterschiedlichen fachdidaktischen Notwendigkeiten am Gymnasium natürlich die größte Schwierigkeit. Deshalb ist dieses Blatt wahrscheinlich nicht mehr als ein Grundgerüst, an dem sich unsere „neuen“ Kollegen in den Tabletklassen vielleicht mal entlanghangeln und sich eine erste Übersicht verschaffen können – sicherlich besser als nichts … Wie immer wäre ich um weitere Gesichtspunkte in den Kommentaren wie immer sehr dankbar.

SchrittfuerSchritt

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 23. Juli 2017

Antwort an Josef Kraus

Offene Antwort an Josef Kraus

Sehr geehrter Herr Kraus,

sosehr ich Ihre Positionen und Beiträge zur Bildungsdiskussion der letzten dreißig Jahre schätze, haben Sie sich in Ihrem Beitrag im Weserkurier am 20. Juni doch in eine Haltung verrannt, die meiner Meinung nach völlig fern jeder Realität ist. Ich gehe Ihre Aussagen auf der Basis meiner Erfahrungen in unserer Tabletklasse mal Punkt für Punkt durch:

Kraus

  • Sie bezeichnen die Digitalisierung leicht abfällig als „Hype“. Meiner Überzeugung nach ist die Digitalisierung aller Lebensbereiche, die vielleicht gerade an ihrem Anfang steht, weit mehr als das. Es ist ein Leitmedienwechsel, ein Paradigmenwechsel, ein nicht umkehrbarer Umbruch, dessen Auswirkungen sich im Augenblick gerade erst abzeichnen. Gerne wird nicht ohne Grund die Parallele zur Erfindung des Buchdrucks oder der beginnenden Industrialisierung zitiert. Diese Entwicklung einfach als „Hype“ vom Tisch zu wischen ist nicht nur realitätsfremd, sondern für uns Lehrer, die wir Schüler aufs Leben vorbereiten sollen, geradezu fahrlässig und unprofessionell.
  • Sie zeichnen ein Bild der „Medienindustrie“, die in Bildungspolitikern willfährige Befürworter ihrer kommerziellen Interessen gefunden hat. Ebenso könnte man die „Buchindustrie“ zum Buhmann der Verhinderung jeder Weiterentwicklung der Schule abstempeln. Beides sind unsinnige Pauschalisierungen, die weder Lehrern noch Schülern im Tagesgeschäft in irgendwelcher Art weiterhelfen.
  • Ihre (durchaus berechtigte) Skepsis begründen Sie mit einer Grundschulstudie. Aufgabe der Grundschule ist traditionell die Vermittlung der Grundfertigkeiten Lesen-Schreiben-Rechnen. Daraus zu schließen, dass der Einsatz von digitalen Medien in weiterführenden Schulen somit grundsätzlich einzuschränken sei, erscheint mir sehr gewagt.
  • Gerne lade ich Sie in eine Unterrichtsstunde in unserer Tabletklasse ein. Fragen Sie ruhig auch unsere Schüler, ob diese ihren Unterricht als „Edutainment“ (wieder so ein Schlagwort) garniert mit „Info-Häppchen“ empfinden. Wobei es sicher auch interessant wäre zu ergründen, ob diese Häppchen-Vorstellung nicht auch auf den traditionellen Unterricht der letzten Jahrzehnte zutrifft.
  • Sie schreiben, die „zwischenmenschliche Kommunikation“ werden eingeschränkt. Das ist meiner Beobachtung der jungen Generation nach definitiv falsch. Ganz im Gegenteil, es wird durch WhatsApp und Co. heute vielleicht mehr kommuniziert als früher, das Medium ist halt ein anderes. Wenn Sie in der Öffentlichkeit nur scheinbar isolierte Smombies wahrnehmen, kommunizieren diese meist tatsächlich in Gruppen mit ihren räumlich entfernten und fast ausschließlich persönlich bekannten Freunden. Wobei die Hinwendung zu einem schriftlichen Medium anstelle des rein akustischen Telefons uns Lehrern eigentlich gefallen sollte. Könnte. Müsste.
  • Sie schreiben, Aufgabe der Schule sei es, die „Sucht“ nach dem Digitalen einzudämmen. Diese ist allerdings kein neues Phänomen. Ganze Generationen wurden von ihren Lehrern als süchtig bezeichnet: Nach Radio, Comics, Fernsehen und Telefon. Und aus allen ist schließlich was geworden. Konsequenz kann doch nur sein, diese Sucht gewinnbringend zu kanalisieren, also den Schülern aufzuzeigen, wie die digitale Welt quasi unbegrenzte Möglichkeiten des Wissenserwerbs und der persönlichen Weiterentwicklung bietet. Gerne auch in zunächst recht streng umgrenzten Lernräumen, später aber mit zunehmender Eigenständigkeit. Genau darauf zielt in meiner Einschätzung das Konzept der „Medienkompetenz“, und ich sehe keine Alternativen zur gesteuerten und konsequenten Einbindung digitaler Inhalte in den Unterricht.
  • „90 Prozent der Eltern sehen keinerlei Bedarf, ihre Kinder über die Risiken der Mediennutzung aufzuklären.“ Abgesehen davon, dass ich diese Zahl stark anzweifle, ziehen Sie die falsche Schlussfolgerung. Die Konsequenz kann für uns Lehrer nämlich nicht das selbstgefällige Kritisieren und die pauschale Ablehnung dieser Entwicklungen sein, sondern gerade diesen Eltern zur Seite zu stehen und die digitalen Möglichkeiten für das schulische Lernen zu erklären und strukturiert zu nutzen. Wenn man das Digitale aus der Schule verbannt, werden YouTube und Co. zum reinen Freizeitvergnügen abgestempelt, anstatt es konstruktiv für die eigene Arbeit zu nutzen.
  • Was „cool“ und „easy“ ist, darauf hatte die Schule nie einen Einfluss. Das definieren die Jugendlich seit ewigen Zeiten gottseidank schon selber.

Zusammenfassend lese ich aus Ihrem Beitrag nicht nur die in Deutschland leider viel zu häufig dominierende Skepsis gegen jede Art von Veränderung und Weiterentwicklung, sondern auch genau diese Art von Bedenkenträgertum und Kulturpessimismus, die gerade auch uns Lehrer leider häufig auszeichnet. Führen wir uns immer wieder das berühmte Sokrates-Zitat vor Augen:

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

… und arbeiten wir gemeinsam daran, wie wir in Zeiten des digitalen Umbruchs unsere Schüler auf dem Weg zu mündigen, selbstdenkenden Individuen begleiten können. Damit wäre schon viel gewonnen.

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