Verfasst von: Gerhard Piezinger | 8. Juni 2017

Schreiben mit Textkraft

2016 war das Jahr, in dem mobile Geräte mehr Anteil am Datenverkehr hatten als Desktop-Geräte. Mobile Betriebssysteme haben gleichzeitig den klassischen Desktop-Systemen wie Windows oder Mac OS im Alltag längst den Rang abgelaufen. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass letzteren über kurz oder lang ein Nischendasein wie CDs, Festnetztelefonen oder 35-mm-Film bevorsteht.

Jeder Technologieübergang bringt aber auch neue Ideen hervor, auf die sich einzulassen vor allem erfahrenen Computernutzern häufig schwerfällt.

Eine dieser Ideen ist Textkraft, die sich selbst ganz bescheiden „Schreib-App“ bezeichnet. Es handelt sich nicht um eine klassische Textverarbeitung, weil ihr bis auf Textauszeichnungen praktisch alle Layoutmöglichkeiten, sogar eigene Formatvorlagen oder das Einfügen von Bildern, fehlen. Es geht wirklich nur um das Erfassen von Text – mit der integrierten Bildschirmtastatur, noch besser mit einer externen Tastatur, am besten und schnellsten natürlich per Diktierfunktion. Unterstützt wird das durch eine integrierte Ablage für alle Arten von Textdateien, auf die man beim Schreibprozess schnellen Zugriff bekommt.

Und das Schreiben unterstützt Textkraft wirklich hervorragend, auch wenn z.B. die schnelle Cursorpositionierung und die Wortvorschläge inzwischen in iOS fürs iPad direkt als Systemfunktion übernommen wurden. Dennoch kriegt man ein geniales Synonymenwörterbuch, Grammatikhinweise, Wikipedialinks oder den Schnellzugriff auf häufig genutzte Sonderzeichen so schnell zugänglich bei keinem anderen Textprogramm auf iOS.

Textkraft

Wie ist das jetzt für die schulische Arbeit relevant? Für die Seminararbeit im W-Seminar könnte Textkraft sicher das Werkzeug der Wahl werden, weil es besser als eine klassische Textverarbeitung erlaubt, sich zunächst rein auf die Inhalte zu konzentrieren. In Word & Co. verliert man in diesen Phasen gern den Fokus durch Rumbasteln am Layout. Unverständlich ist mir, warum sich nicht einfache Fotos in der integrierten Ablage vorhalten lassen: Ab in die Bibliothek, relevante Textstellen abfotografieren, in Textkraft zusammenfassen und zitieren, fertig. Warten wir mal die Updates ab.

Eine weitere, bereits vorhandene Funktion könnte im Deutschunterricht helfen: Warum nicht mal einen Deutschaufsatz mit dem Synonymangebot wirklich perfektionieren und sich der Schwächen der Vorversion bewusst werden?

Alles in allem ist Textkraft ein faszinierendes, innovatives Werkzeug, das für manche eifrige Schreiber sicher einen Mehrwert beim Ausarbeiten komplexerer, eigenständiger Texte bietet.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 3. Juni 2017

Selbstständiges Lernen mit Babbel

Im Zuge der Entwicklung der mobilen Digitalgeräte hin zu Universalwerkzeugen (Fotoapparat, Musikplayer, Telefon, Diktiergerät, Lexikon, Landkarte, Fernseher, Stimmgerät, Taschenlampe, Schminkspiegel, Wasserwaage, Kochbuch, … – was Honegger als „digitale Konversion“ bezeichnet) war es nur eine Frage der Zeit, bis auch das Sprachenlernen per App angeboten wird.

Bei Sprach-Selbstlernkursen hat man inzwischen eine breite Palette an Angeboten: Neben Duolingo, Busuu, Memrise, Mondly, Rosetta Stone, uTalk und einigen anderen hat sich vor allem Babbel einen Namen gemacht.

Auch wenn auf den ersten Blick das autonome, lehrerunabhängige Lernen nicht nicht direkt im Fokus unserer Tabletklasse steht, gibt es doch Ansätze, von denen wir in unserem Unterricht profitieren können.

Mit diesem Hintergedanken im Kopf nutze ich seit mehreren Wochen einigermaßen regelmäßig (Zugpendler!) Babbel, um meine rudimentären Russischkenntnisse aufzufrischen und zu erweitern. Auch wenn man Babbel vielleicht sogar als Konkurrenz für traditionelle Sprachenlehrer betrachten könnte, muss ich zugeben, dass die Herangehensweise wirklich ihren Reiz hat.

Babbel

  • Neue Wörter werden am Anfang einer Lektion in kleinen Portionen in Schrift, Bild, Ton und Übersetzung präsentiert. Manchmal kommt auch eine Überprüfung der Aussprache: Man spricht ins Mikro, und erst wenn der Algorithmus mit dem Ergebnis zufrieden ist, kann man weitermachen. Ganz schön streng, unsere App.
  • Zur Wiederholung und Einübung kommen dann kleine Sequenzen zum Einsatz, wie wir sie auch in der Schule benutzen: Zuordnungsübungen der Elemente Wort, Ton und Übersetzung, Auswahlübungen, Wort- und Satzteile in die richtige Reihenfolge bringen und schließlich Diktat, oft unterstützt durch eine begrenzte Auswahl an Buchstaben. Auf alle Aktionen gibt es dabei unmittelbares Feedback, was mir gerade beim Neuerwerb unbedingt notwendig scheint. Sehr gut.
  • Die integrierte Vokabelsammlung passt sich automatisch dem Stand des Lernfortschritts im Anfängerkurs an und erlaubt das Lernen nach dem Vokabelkasten/Phase-6-Prinzip: Was nicht gewusst wurde, wird öfter abgefragt. Sehr gut.
  • Die Grammatikkapitel beschränken sich nicht auf bloße Übersichten, sondern müssen ebenfalls immer wieder interaktiv ergänzt werden – siehe Bildschirmfoto „Was? Wo?“. Ein kleines Detail, das den Nutzer zumindest zum Mitdenken anregt. Ebenfalls sehr gut.

Der Ablauf weicht aber in vieler Hinsicht von einem klassischen Schulbuch ab. Es gibt keine zentralen Lektionstexte oder Lehrbuchfiguren, die einen begleiten, und die Beispiele sind weitgehend kontextfrei. Das mag daran liegen, dass man sich ja nicht wie im Klassenrahmen mit Anderen gemeinsam die Sprache erarbeitet, indem man über die Inhalte kommuniziert. Vielleicht aber auch an der deutlich älteren Zielgruppe, wer weiß.

Und genau in diesem Punkt liegt der große Unterschied zur Situation an der Schule: Die Nutzer der App wollen bewusst eine Sprache lernen, unsere Schüler müssen leider meist dazu gezwungen werden. Regelmäßiges Hören, Wiederholen und Anwenden sind der Schlüssel jeden Spracherwerbs.

Der Aspekt des „sanktionsfreien Lernens“ ist mit Sicherheit auch für unseren Unterricht relevant: Schüler stehen – individuell natürlich unterschiedlich – im Klassenzimmer vor dem Lehrer und den Mitschülern immer unter einem gewissen Druck, Fehler zu vermeiden – man könnte sich ja blamieren. Das häufig noch wenig gefestigte Selbstbild und die so wichtige Rollenfindung in der Gruppe der Gleichaltrigen ist also für das Sprachenlernen ein gewaltiges Hindernis, denn Spracherwerb ist ohne das Zulassen und die Korrektur von Fehlern völlig undenkbar. Erst durch Fehler lernt man überhaupt. Vielleicht bietet der maschinelle Ansatz von Babbel & Co, den wir ohnehin bereits durch andere Bausteine wie learninapps.org oder Bookwidgets verfolgen, einen Ausweg aus der bisherigen, eher frustrierenden schulischen „Fehlerkultur“.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 19. Mai 2017

Blick zurück – und vorwärts

Nicht ohne einen gewissen Stolz gehen wir im September ins inzwischen sechste Jahr unseres hauseigenen Konzepts einer Tabletklasse. Tatsächlich gab es in den vergangenen Monaten eine Art Dammbruch im Kollegium: Viele zunächst eher skeptische (oder vielleicht eher neugierig-abwartende) Kollegen legen sich Tablets und Smartphones zu, wollen vermehrt digitale Inhalte in ihren Unterricht integrieren und haben sich bereiterklärt, ebenfalls in einer Tablet-Klasse zu unterrichten. Ungefähr zwei Dutzend Kollegen aus allen Fächern stehen aktuell zur Verfügung, wobei ihre individuellen Motive natürlich breit gestreut sind – von „Ich will nicht als Dino einer längst vergangenen Epoche enden“ über „aufhalten können wir das eh nicht“ bis hin zu „der Herausforderung stelle ich mich lieber jetzt als irgendwann später unter Zwang“.

Auch auf Schüler- und Elternseite scheint ein Knoten geplatzt zu sein: Satte zwei Drittel der Schüler der aktuellen 7. Klasse wollen in eine Tabletklasse (etwa 80 von 120). Inwiefern der neugestaltete Flyer (siehe Foto), der kontinuierliche Wechsel in der Projektleitung, die positiven Rückmeldungen der Eltern oder das gesellschaftliche Umfeld dafür der Grund sind – wer weiß das schon? Leider können wir angesichts der üblichen Unwägbarkeiten bei der Ausstattung mit Lehrerstellen und Schülerzu- und abgängen erst im Sommer tatsächlich planen, ob wir eine, zwei oder drei Klassen bilden können.

Technisch und infrastrukturell gibt es auch Weiterentwicklungen. Miracast als AirPlay-Ersatz zum drahtlosen Spiegeln von Android-Bildschirminhalten ist dank mehrerer im Google Playstore verfügbarer Airplay-Apps inzwischen überflüssig geworden. Das bedeutet für uns Lehrer weniger Zeitverlust beim Umstellen der Anlage und wir müssen uns nicht mehr merken oder nachfragen, welcher Schüler welchen Gerätetyp benutzt. Weniger Reibungsverluste, mehr Konzentration auf Unterrichtsinhalte.

Zudem steht ein alter, inzwischen fast schon vergessener Mitspieler plötzlich wieder im Rampenlicht: Microsoft versucht wieder verstärkt im Bildungsmarkt Fuß zu fassen und hat mit dem FWU (dem staatlichen Medieninstitut der Bundesländer) einen Rahmenvertrag geschlossen, der es Schulen erlaubt, unter Beachtung des in Bayern sehr strikt ausgelegten Datenschutzrechts ihre Software zu nutzen. So dürfen an bayerischen Schulen niemals personenbezogene Daten auf Servern außerhalb der EU gelagert werden – was Dropbox, iCloud & Co. wegfallen lässt. Für Schule, Lehrer und Schüler ist das außerdem gratis.

Flyer-OneNote.png

Der Coup ist Microsoft unseren ersten Einschätzungen nach tatsächlich hervorragend gelungen: Die Notizenverwaltung OneNote stellt über alle Systemgrenzen hinweg einheitlich eine Infrastruktur bereit, mit der es in mancher Hinsicht mit unserem bewährten Mebis in Konkurrenz treten wird. Im Rahmen eines internen Treffens hat ein Kollege, der sich vertieft mit der Materie beschäftigt hat, die Möglichkeiten demonstriert, und die Reaktion der Kollegen war sehr positiv. (Ergänzung: Seine Tutorials finden sich auch auf YouTube.)

Wie immer gilt bei jeder Softwareentscheidung weiterhin der Grundsatz, dass sich die technischen Detailfragen in jeder Hinsicht dem Unterricht und dem Lernfortschritt unserer Schüler unterordnen müssen.

Damit liegen wir angesichts der Anmeldezahlen offenbar ziemlich richtig.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 26. Januar 2017

Quizlet Live

Nachdem wir im November ja schon einen Schülerbeitrag zu Quizlet hatten, starteten wir mit einer neuartigen Erweiterung ins neue Jahr: Quizlet Live. Und soviel sei vorweggenommen, es macht unseren Schülern wahnsinnig viel Spaß.

Quizlet Live teilt dabei eine beliebig große Gruppe (mindestens sechs Mitspieler) in Teams ein. Jede Gruppe bekommt dann der Reihe nach Wörter angezeigt. Hat ein Schüler die fremdsprachliche Entsprechung in seinem Fundus, muss er dies bestätigen, und es erscheint das nächste Wort. Der Spielstand der Gruppen, also die Anzahl der korrekt zugeordneten Wörter, wird auf dem Lehrergerät über Beamer in Form von beschrifteten Balken live angezeigt.

Besonders spannungs-, aber auch lautstärkefördernd ist, dass ein Team beim kleinsten Fehler wieder von vorn anfangen muss. Der gruppenbasierte Ehrgeiz, das Spiel zu gewinnen, wird von Quizlet Live wirklich vollumfänglich in das Vokabellernen kanalisiert.

Als besonderen Service gibt es nach jeder Spielrunde eine kleine Auswertung, welche Wörter am häufigsten falsch gemacht wurden – und sogar, mit welchen Wörtern diese verwechselt wurde. Natürlich verwarf ich sofort den Gedanken, genau diese Problemwörter  in einer Ex in der Folgestunde abzuprüfen. Obwohl …

quizletlive

Zugegebenermaßen ist in der Fremdsprachendidaktik das Lernen von Vokabeln als stures Pauken von 1:1-Entsprechungen von muttersprachlichen Begriffen zunehmend verpönt. Neuere Lernansätze favorisieren die Sinnerschließung in einem rein fremdsprachlichen Kontext, im Extremfall unter völligem Ausblenden jedes muttersprachlichen Bezugs. Bei der Gratwanderung zwischen diesen beiden Polen bewährt sich in unserer schulischen Praxis eine gesunde Mischung, und für das reine Wiederholen von Wortschatz ist mir augenblicklich keine intensivere Methode bekannt.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 20. November 2016

Scannen im Jahr 2016

Die Vorteile von mobilen Geräten gegenüber Desktoprechnern und Notebooks werden an nur wenigen Beispielen so deutlich wie dem Scannen von Dokumenten und deren Umwandlung in bearbeitbare Texte (OCR). Vor wenigen Jahren noch war dies ein Riesenaufwand: Zunächst musste man das Blatt Papier erst mal im Original zu einem scanfähigen Rechner mitnehmen (und am nächsten Tag dran denken, es wieder zurückzubringen …), dann auf ein Abtastgerät mit Glasplatte legen, ausrichten, Scanvorgang starten, Sprache einstellen, das oft fehlerdurchsetzte Ergebnis als TXT oder RTF speichern, in seiner Textverarbeitung öffnen, und gleich mal die Rechtschreibprüfung drüberlaufen lassen.

Und so geht das im Jahr 2016:

Verfasst von: vincentmarohl | 16. November 2016

Quizlet statt Vokabelheft

Vokabeln zu pauken ist für die meisten Schüler langweilig und schwer, da das Vokabelheft nicht interaktiv ist und der Lernfortschritt  meist nur von der eigenen Kontrolle der Schüler bzw. von der der Eltern abhängt. Der Grund also, warum Vokabellernapps so beliebt sind, ist der, dass diese Apps endlich eine Möglichkeit zur Interaktivität bieten. Eine dieser Apps, und mit Abstand die beliebteste, ist Quizlet.

Quizlet wurde 2005 im Silicon Valley, Kalifornien von Andrew Sutherland gegründet, nachdem er vergebens versucht hatte, sich 111 französische Tiernamen zu merken. Im Januar 2007 wurde es dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, hat seitdem mehr als 150 Millionen Lernsets aufgenommen und kann mehr als 40 Millionen wöchentliche Nutzer vorweisen. Mittlerweile ist es sogar offiziell unter den 50 meistbesuchten Webseiten der USA.

Das Prinzip ist simpel: – Download des gewünschten Lernsets (entweder per Link vom Lehrer gestellt, mit der in-app-Suchfunktion für Content der online bereits öffentlich zur Verfügung stehenden Sets, oder durch manuelle Eingabe der Vokabeln vom Buch) – Lernen (entweder durch Karteikartenmodus, dem spielerischen Zuordnungsmodus, oder dem extra Lernmodus)  –  Testen.

Was Quizlet zum Marktführer macht sind die vielen Lernsets, die zum Download bereitstehen, die leichte Benutzeroberfläche und am allerwichtigsten die Tatsache dass es kostenlos ist. Andere Vokabelapps sind entweder kostenpflichtig, haben nicht annähernd so viele und hochqualitative Lernsets oder erfordern die manuelle Eingabe von Vokabeln.

Der deutlichste Vorteil gegenüber dem klassischen Vokabelheft ist der, dass man weniger Zeit damit zu verbringen hat, mühselig die einzelnen Vokabeln zu übertragen, und somit mehr Zeit zum eigentlich Lernen hat, wodurch man in der selben Zeit viel effizienter Vokabeln lernen kann. Auch kann man mit der App gleich im Anschluss zum Lernen sein Wissen mittels eingebauter Abfragefunktion auf den Prüfstand stellen, um so zu wissen, wieviel Lernen noch erforderlich ist.

Einziger Nachteil gegenüber dem klassischen Vokabelheft ist der Ablenkungsfaktor.
So ist man während des Lernens am iPad viel wahrscheinlicher dazu verleitet, schnell auf eine Nachricht zu antworten, schnell auf Youtube etwas nachzuschauen etc. Mit dem klassischen Vokabelheft ist die Wahrscheinlichkeit, so abgelenkt zu werden viel geringer (vorausgesetzt das Handy ist auf Stumm geschaltet.)

Fazit: Ich persönlich, sowie die meisten meiner Mitschüler, ziehen Quizlet mit all seinen digitalen Möglichkeiten dem klassischen Vokabelheft vor, was sich auch in meinem Lernerfolg widerspiegelt.

Quizlet.png

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 22. Oktober 2016

Kraus und Spitzer

„Pädagogen, die das Netz als Lebenswirklichkeit von Heranwachsenden verleugnen, handeln daher aus meiner Sicht nicht nur realitätsverweigernd, sondern schlicht verantwortungslos.“

Eine aktuelle Leseempfehlung auf Deutschlandradio Kultur: Der Beitrag erklärt sehr anschaulich das Spannungsfeld, in dem schulischer Unterricht im Jahr 2016 stattfindet.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 31. Juli 2016

Ab in die Südsee

Die Integration digitaler Werkzeuge in den traditionellen Unterricht ist hier unser Hauptthema seit dem Frühjahr 2012, also seit gut vier Jahren. Eine Zeitspanne, die ich mit einem gewissen Stolz erwähne – vergleichbaren Initiativen ist häufig schon nach einem oder zwei Schuljahren die Luft ausgegangen …

Deshalb sei mir an dieser Stelle erlaubt, einige Möglichkeiten einer digitalen Lernplattform jenseits des ja stark lehrbuchgebundenen Mittelstufenunterrichts zu skizzieren. Genauer gesagt in der Oberstufe (Q11 Französisch).

Basierend auf einer bereits im Jahr 2000 erschienenen Unterrichtseinheit des Raabe-Verlags – hier immer noch zum Download erhältlich – haben meine Schüler und ich eine thematisch zur nahenden Urlaubszeit passende „Simulation globale“ durchlaufen. Jeder der Teilnehmer schlüpft für ein paar Unterrichtsstunden in eine virtuelle Identität und durchlebt ein Abenteuer mit den anderen. „L’île“ beginnt mit dem Schiffbruch (le naufrage) eines Passagierschiffs (le paquebot) in der Südsee, unsere Kursteilnehmer sind die Überlebenden (les survivants), die – mit drei beliebigen geretteten Gegenständen (trois objets) – auf der Insel zusammentreffen und ihr Überleben und ihre Rettung (le sauvetage) organisieren müssen.

Angelehnt an das Szenario „Herr der Fliegen“ (Le seigneur des mouches) entstehen natürlich bald die ersten Konflikte (des conflits), die – wie immer – ausnahmslos in der Fremdsprache (en français s’il vous plaît) geregelt werden müssen.

Überraschend einfach und problemlos gestaltet sich die Übertragung des Unterrichtsentwurfs, der ja noch aus der analogen Zeit stammt, in unsere Lernplattform Mebis a.k.a. Moodle. Abstimmungen und Auswahlen, Diskussionen ums Lagerfeuer und Gruppenbildung in Foren, für andere nicht einsehbare Tagebücher, ein Glossar für neue Wörter, interaktive themengebundene Grammatik-Wiederholungsübungen (Was wäre wenn jetzt ..? z.B. für Konditionalsätze), all das zusammen ergibt eine äußerst ansprechende und motivierende Lernumgebung.

Simulation_globale

Zum Wesen einer „Simulation globale“ gehört es übrigens auch, dass die weitere Entwicklung der Lage unmittelbar auch von den Äußerungen und Handlungen der Schüler beeinflusst wird. Überraschend zu beobachten ist dann auch, dass sich viele Schüler durch und durch mit ihrer Rolle identifizieren – und ihren virtuellen Beruf bis an die Grenze zum Stereotypischen ausreizen, was auch in Mimik und Gestik in den mündlichen Unterrichtsteilen Ausdruck findet. Die auszuwählenden Berufe (Psychologe, Nonne, Polizist …) tragen ebenfalls zu dieser Identifikation bei.

Unterrichtseinheiten wie diese sind für eine digitale Tablet-Arbeitsumgebung natürlich maßgeschneidert. Hier kann das volle Potential unserer Lernplattform ausgeschöpft werden, mit ihren vielfältigen Kommunikationsinstrumenten. Leider sind wir noch nicht soweit, in der Oberstufe Tablets einsetzen zu können, weshalb wir auf unsere Computerräume angewiesen sind. Also reservieren, Schüler hinlotsen, erst mal lüften, anschalten, warten, einloggen, vergessene Passwörter neu vergeben … Aber wer weiß, wie es in ein paar Jahren ausschaut.

Die Zeit der Computerräume, das wurde mir wieder bewusst, geht definitiv zu Ende.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 13. Juli 2016

Portfolios mit Mahara

Portfolios im Unterricht sind eine eher neue Entwicklung. In Anlehnung an deren Bedeutung im Arbeitsleben wurde in den letzten Jahren immer wieder versucht, ihre Prinzipien in die schulische Arbeit zu integrieren: Es geht darum, seine Arbeits- bzw. Lernfortschritte zu dokumentieren und zu reflektieren. Herauskommen soll also eine präsentationsreife, personalisierte und illustrierte Übersicht der eigenen Arbeit, in unserem Fall im Fach Französisch.

Dass wir in unserer digitalen Arbeitsumgebung nicht mehr mit Drucker, Schere und Kleber loslegen, versteht sich von selbst. Die Kategorie „E-Portfolios“ unterscheidet sich in ihrer Zielsetzung nicht von den klassischen Arbeitsmappen, abgesehen vom Trägermedium und der zur Verfügung stehenden Multimedialität.

Natürlich gibt es genau dafür spezielle Software, in diesem Fall sogar unter Open-Source-Lizenz, was im Zweifel immer ein Pluspunkt ist: Die Weiterentwicklung ist unabhängig vom Überleben der Unternehmen und die Daten sind durch den einsehbaren Quellcode besser vor kommerzieller Ausbeutung geschützt.

Vom größten Schwachpunkt quelloffener Software, der oft weit hinter ihrer kommerziellen Konkurrenz hinterherhinkenden intuitiven Logik der Bedienung, ist zudem bei Mahara nichts zu merken. Nach nur kurzer Hinführung und einem klaren Arbeitsauftrag werkeln unsere Schüler bereits sehr selbstständig vor sich hin.

Die Gestaltungsmöglichkeiten unterscheiden sich ebenfalls grundlegend von einer üblichen Textverarbeitung: Die verschiebbaren Blöcke, die sich in über zwanzig definierbaren Grundlayouts anordnen lassen, enthalten entweder Text, Bilder, Dateien zum Download, PDFs, HTML, Videos, Inhalte sozialer Netzwerke und andere Medien oder sogar das eigene Blog. Das Ergebnis ist eine interaktive Webseite, die sich sowohl lokal speichern wie auch direkt im WWW veröffentlichen lässt.

Der konkrete Arbeitsauftrag war in unserem Falle, die durchaus mess- und spürbaren Lernfortschritte in diesem Schuljahr darzustellen. Natürlich bietet sich zunächst eine chronologische Struktur an, wobei die Eckpunkte die Lektionen im Buch und die Schulaufgaben darstellen. Hinzu kommt unsere Teilnahme am Wettbewerb Francomusiques.

Mahara

Den Gewinn dieser Phase am ansonsten in anderen Klassen vielleicht eher ereignisarmen und filmlastigen Schuljahresende sehe ich vor allem in der Rekapitulation des Jahresstoffs, die den Schülern möglicherweise gewisse Wissenslücken bewusst machen, und in der individuellen, dauerhaften Bereitstellung einer Übersicht des Gelernten und Geübten für die Folgejahre. Im Gegensatz zu den Papier- und Tafelklassen bleibt somit ein Ergebnis bei den Schülern, wenn am Jahresende die Bücher abgegeben werden und die Hefte im Altpapier landen. In vieler Hinsicht hat Mahara damit in unserer heterogenen Systemumgebung die Rolle der Apple-spezifischen iBooks übernommen.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 21. Juni 2016

Formative Evaluation

Zu den eher unbefriedigenden Aspekten im Schülerleben gehören Stegreifaufgaben, zu denen uns wir bereits hier Gedanken gemacht haben. Die Ex ist und bleibt eine sehr punktuelle Leistungserhebung, und eine gute Note beweist vor allem, dass der Schüler am Vortag Zeit (/Lust) hatte, sich die Unterrichtsinhalte am Nachmittag (/morgens /vor der Stunde) noch einmal anzuschauen. Das Damoklesschwert Ex hat natürlich eine wichtige Disziplinierungsfunktion; über längerfristigen Lernerfolg sagt sie weit weniger aus.

In unserer digitalen Lernumgebung bewährt sich zunehmend das Konzept der Formativen Evaluation. In regelmäßigen Abständen werden angekündigte kleine Tests durchgeführt. Wenn dies in einer Papierumgebung wegen des Korrekturaufwands vermutlich die wenigsten Kollegen auf sich nehmen würden, sind formative Tests hier dank dem automatischen Feedback durch Bookwidgets (alternativ die Mebis-Aktivität „Test“) ein logischer Schritt.

Formative-Evaluation

Regelmäßige formative Vokabeltests: Beispiel Französisch

Als kleinen Leistungsanreiz bekommen nur drei oder vier zufällig ausgewählte Schüler eine Note, die anderen nur die Auswertung. Das in meinen Augen gerechteste Verfahren ist hierbei, die Namen der Schüler vor dem Test hinten an die Tafel zu schreiben (Vorsicht Spiegel!) und nach Abgabe aufzuklappen. Wobei die ganze Benotung aus Lehrersicht auch ein Kompromiss ist, aber Noten sind nun mal die einzig akzeptierte Währung (sprich Leistungsanreiz) für Schüler. Was sich vielleicht ja irgendwann mal ändert. Obwohl …

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