Verfasst von: nilsboedeker | 2. Mai 2019

Weiter, immer weiter

Wenn Oliver Kahn einst nach dem Geheimnis seines Erfolgs gefragt wurde, kamen in seiner Antwort immer die Worte „Weiter, immer weiter“ vor. Sie beschreiben sehr gut, worauf es ankommt, wenn etwas richtig gut und Gutes noch besser werden soll: Niemals ausruhen auf dem Erreichten, sich ständig hinterfragen und neugierig bleiben auf neue Dinge.

Nun geht es in unseren Tablet-Klassen nicht um die Champions League, nicht um den Weltmeistertitel und auch nicht um die Deutsche Meisterschaft. Aber dennoch treffen die Worte Oliver Kahns auf uns zu.

Oliver Kahn bei seinem Abschiedsspiel 2008.

Einerseits geht das von vielen immer noch als „Projekt“ bezeichnete digitale Lernen in den Tablet-Klassen immer weiter, denn auch in diesem Jahr haben sich 70 Prozent der Siebtklässler für den Unterricht in einer Tablet-Klasse ab der achten Jahrgangsstufe entschieden. Darüber freue ich mich gerade in diesem Schuljahr sehr, da wir in den siebten Klassen insgesamt vergleichsweise wenig Schülerinnen und Schüler haben und ich daher deutlich mehr Werbung gemacht habe als sonst. Und da ich auf meinen eigenen Wunsch hin mehr in der Unterstufe unterrichte als früher, konnte ich den Schülerinnen und Schülern somit viele Einblicke in die wunderbare Welt des digitalen Lehrens und Lernens geben. Damit starten wir im nächsten Schuljahr mit der dann insgesamt zehnten (elften, zwölften, …?) Tablet-Klasse an unserer Schule und wir konnten seit dem Neustart im Jahr 2015 die Anzahl auf vier Tablet-Klassen pro Schuljahr steigern. Aber natürlich ist all dies eine starke Teamleistung, da wir mittlerweile über 20 Kolleginnen und Kollegen an unserer Schule haben, die in einer der Tablet-Klassen unterrichten – eine sicherlich vergleichsweise erfreulich hohe Anzahl.

Immer weiter geht aber auch, da wir uns inhaltlich und strukturell weiterentwickeln. Dies beginnt mit der Analyse der anonymen Befragung der Schülerinnen und Schüler der Tablet-Klassen, die uns ein wieder mehrheitlich gutes Zeugnis ausstellen. So sagen bspw. 78 Prozent, dass sie durch die Tablets motivierter arbeiten und 87 Prozent geben an, dass sie sich durch die digitale Unterstützung die Unterrichtsinhalte besser vorstellen können. 88 Prozent können mit Hilfe der Tablets selbständiger arbeiten und erfreulicherweise empfehlen 95 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Tablet-Klassen weiter.

Der ständige Wandel der digitalen Welt verlangt natürlich auch von uns, dass wir stets am Ball bleiben. So bin ich besonders meinem Kollegen Stefan Schuch dankbar, der uns immer wieder auf tolle Ideen bringt und neue Software bzw. Apps einführt. Am wichtigsten waren hierbei sicherlich OneNote und OneNote Classroom von Microsoft, die unseren Unterrichtsalltag sehr erleichtert haben und wirklich als powerful tools für Schüler und Lehrer bezeichnet werden können. Oder auch die von ihm entdeckte App Newsela, die binnendifferenzierte Textarbeit im Fremdsprachenunterricht ermöglicht und klar die Vorteile digitalen Arbeitens aufzeigt.

Wir bleiben auch in Zukunft offen für Neues und haben schon so viele weitere Dinge in Planung. So will ich die medienpädagogischen Inhalte weiter ausbauen, die Ausrichtung auf iOS verstärken und das Team noch vertrauter mit verschiedenen Apps machen. Dank unseres Systemadministrators Christian Pertl haben wir jetzt auch mobile iPads und können so auch in den ‚normalen‘ Klassen verstärkt auf digitales Lernen setzen. Es gibt viel zu tun, ich freue mich darauf.

Es geht weiter, immer weiter.

Nils Bödeker

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 24. April 2019

Eine Ostergeschichte 2039

Ein frühsommerlicher Ostersonntag im Jahr 2039.
Ein Gymnasiallehrer a.D. spricht nach dem Mittagsbraten und zwei Weißbieren mit seinem schulpflichtigen Enkel auf der Terrasse.

Eingefangen und aus dem Bairischen übertragen von G.P.

– Opa, stimmt das, was mir der Papa erzählt hat?

– Oje, was denn?

– Na dass du damals iPads in der Schule eingeführt hast.

– Na ja, mehr oder weniger, meine Schüler durften die halt zum erstenmal offiziell im Klassenzimmer benutzen.

– Klassenzimmer? War das so was wie ein Lernbereich?

– So ungefähr. Da saßen damals tatsächlich so um die fünfundzwanzig Kinder alle im gleichen Raum!

– Was? Wie soll man denn da lernen?

– Das war damals noch nicht so üblich, das eigene, entdeckende Lernen in wechselnden Teams. Da gaben wir Lehrer tatsächlich den Rhythmus vor, und alle mussten das lernen, was wir wollten – egal ob es sie gerade interessierte oder nicht. Also eine tolle, entspannte, auch bequeme Zeit für uns Lehrer, auch weil die Kinder einem alles glauben mussten. Es konnte ja keiner schnell checken, ob man nicht Quark erzählt (kichert).

– Wahnsinn.

– Ja, damals war noch nicht alles digital wie heute. So, und jetzt iss dein Osterei. (Lehnt sich gedankenversunken zurück.)

– Hä? Was ist denn „digital“?

– Hm? Also du mit deiner Fragerei. Also schau, unsere Welt hier besteht praktisch nur aus Nullern und Einsern. Alles was wir hören, lesen, anschauen – alles Null und Eins. Analog ist, wenn du – ja, äh – also was mit deinen Fingern machst. Obwohl, nein, also, ohne Hilfsmittel. Oder so: Analog ist, wenn wir hier so dasitzen und ratschen. Oder du dein Osterei abschälst und Salz drüber streust, das ist analog. So ähnlich jedenfalls. Mann Bub, mach mich nicht wahnsinnig mit deiner Fragerei, ich war Fremdsprachenlehrer! Schau doch selber nach. So. (Grummelt).

– Hm.

– (Blinzelt) Jedenfalls waren die meisten Lernmaterialien noch aus Papier!

– Papier? Das kenn ich, von den Burgerverpackungen und den Zetteln, die immer Mamas Tabletten beiliegen. Papier raschelt sehr schön. Und im Kindergarten haben wir damit mal Blumen gebastelt.

– Stell dir vor, die Schüler mussten dann mehrere Kilo Papier jeden Tag in die Schule und mittags wieder nach Hause schleppen!

– Haben sie die dann irgendwie gefahren, geflogen oder gerollt?

– Gerollt war eher die Ausnahme, persönliche Gepäckdrohnen gab es auch noch nicht. Viele wurden auch deshalb von ihren Eltern im eigenen, tonnenschweren Explosionsmotor-Auto bis direkt an den Schulhof gefahren haben – kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, oder?

Igitt.

– Richtig saublöd bei den Papierbüchern war, dass die ja nicht aktualisiert wurden. Teilweise war der Wissensstand in den Büchern 15 Jahre alt! Und das bei der Geschwindigkeit, in der sich die Ereignisse und Entwicklungen damals schon förmlich überschlugen …

– Ach Opa, das war echt so Dino-mäßig damals. Sogar dein erstes Tablet hast du mir ja schon mal gezeigt, total schwer, fett und unglaublich langsam.

– Aber es konnte WLAN!

– Was ist das denn schon wieder?

– Eine frühe Art Funknetz, aber örtlich gebunden, so im Radius von 10-15 Metern. So absurd das klingt: Anfangs gab es im Kollegium sogar noch Befürchtungen, das könnte gesundheitsschädlich sein! Trotzdem war WLAN schon viel besser als die Computerräume.

– Was soll das denn sein, „Computerräume“?

– Im Prinzip ein muffiger, abgeschlossener Lernraum mit einem PC pro Schüler.

– PC? Personal Coach?

– Nein, Personal Computer, so ein fensterkittgrauer, surrender Standcomputer mit Maus und Tastatur. Ich kann mich noch erinnern, man musste den Raum für bestimmte Stunden reservieren und hat sich geärgert, wenn wieder ein Kollege schneller war. Unterrichtsplanung unter diesen Bedingungen war da echt eine Herausforderung, Spontanität praktisch nicht umzusetzen …

– Ihhhh, musste man dann die Geräte anfassen, die auch andere schon benutzt haben? Mit ihren ungewaschenen Fingern, bei Erkältungswellen vollgerotzt? Brrr …

– Ja, nein, so schlimm war es aber nicht. Schlimmer waren die Passwort-Vergesser in der Klasse.

– Cool, was ist denn ein Passwort?

– Na ja, wenn du an einem fremden Gerät … stell dir vor, da hatte noch nicht jeder sein eigenes … Ach egal, das war halt früher so, wenn du nur Tastatur und Maus hattest, um dem Gerät was mitzuteilen. Statt deinem Fingerabdruck, deinem Gesicht, deiner Watch oder deiner Implantate war eine Buchstabenkombination gewissermaßen deine Zutrittsberechtigung zur Maschine. Komm, vergiss es und iss jetzt dein Ei.

– A propos Tastatur, hat das denn nicht ewig gedauert, bis man die einzelnen Tasten getroffen hat?

– Manche waren da ehrlich gesagt recht geschickt. Es gab sogar Kurse für „Maschinenschreiben“! Im Nachhinein eher Zeitverschwendung, weil die Tastaturen verschwunden sind. Aber was red ich, wenn man wie du nur noch Handschreiben, Diktieren, Touch und implantierte Bewegungskontrolle kennt!

– Opa, hilfst du mir mal mit dem blöden Ei? Im Video hier macht das eine Frau so, dass die Schale in nicht mehr als drei Stücken abgeht …

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 13. April 2019

Binnendifferenzierung in der Praxis: Newsela

Einen radikal neuen Ansatz beim Umgang mit Texten bietet Newsela  – die Auflösung des Schwierigkeitsgrades. Hunderte von englischen Zeitungs- und Magazinartikel stehen in fünf Versionen zur Verfügung. Je einfacher das Sprachniveau, umso mehr werden verschachtelte Relativsätze aufgelöst, der Satzbau vereinfacht und fachspezifische Ausdrücke durch gemeinsprachliche ersetzt.

Newsela

Die Anspruchsniveaus sind geordnet nach der Anzahl der darin verwendeten, verschiedenen Wörter. Diese Sprach-Level können jederzeit neu ausgewählt werden.

Der Clou dabei ist, dass man den Text durch das Herunterwischen mit zwei Fingern jederzeit mit der nächst-einfacheren Version überblenden kann. Oben der einfachere, unten der komplexere Text:

 

 

Für Sprachenlehrer ist das Potenzial natürlich enorm: Will man sich mit aktuellen Texten etwas vom Lehrbuch lösen, ist es gerade in den unteren Klassen schwierig, die richtige Balance zwischen „zu schwierig“ (abschreckend) und „zu einfach“ (langweilig) zu treffen. Das uralte Problem des „Unterrichts im Gleichschritt“: Man orientiert sich an einem fiktiven Durchschnittsschüler und benachteiligt dadurch im Endeffekt sowohl die Leistungsstärkeren als auch die -schwächeren. Digitale Werkzeuge wie Newsela bieten hier Möglichkeiten der Differenzierung, die noch vor kurzer Zeit undenkbar oder nur mit gewaltigem Aufwand zu realisieren gewesen wären.

Eine Anfrage, wann und wie die App auch hier in Deutschland in vollem Umfang (Klassenverwaltungs- und Lehrerfunktionen) genutzt werden kann, ist raus.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 10. Februar 2019

Die Verlage kommen in die Gänge

Spricht man Kollegen, Freunde oder Eltern auf das Thema „Tablets im Unterricht“ an, kommt normalerweise als erste Reaktion: „Super, endlich keine Schulbücher mehr schleppen.“ Leider müssen wir dann oft die Erwartungen enttäuschen, weil die Schulbücher schlicht und ergreifend von den Verlagen nicht digital angeboten werden.

Die gute Nachricht: Genau das ändert sich gerade massiv. Grund dafür ist die Umstellung des bayerischen G8-Lehrplans auf den „LehrplanPLUS“ im Rahmen der Wiedereinführung des G9 im bayerischen Gymnasium. Damit geht auch eine neue Lehrbuchgeneration einher. Die etablierten Verlage nutzen nun die Umstellung zu einer breit angelegten Digitaloffensive. Offenbar ist inzwischen genügend Nachfrage da, um sich mit einem umfangreichen digitalen Angebot gegenüber der Konkurrenz in diesem Markt behaupten zu können. Die Entscheidung über die zukünftigen Lehrbücher treffen schließlich die Kollegien an jeder einzelnen Schule, und die wollen überzeugt werden.

Für das Fach Englisch, das bereits das zweite Jahr (aktuelle Klassen 5 und 6) mit den neuen Lehrbüchern unterrichtet wird, stehen diese inzwischen zur Verfügung. Sowohl Klett („Green Line“) als auch Cornelsen („Access“) sind hier die Marktführer. Grund genug, mal einen Blick auf die beiden Angebote mit Hinsicht auf die Verwendbarkeit in zukünftigen Tabletklassen zu werfen.

Die Fragen nach den Kosten der unterschiedlichen Lizenzmodelle lassen ich hier weg, diese sind bestenfalls für Schulleitungen interessant. Fest steht natürlich, dass für Schüler bzw. Eltern die bisherige Lernmittelfreiheit weiter besteht.

Fangen wir mal mit Cornelsen an. Digitale Lehrbücher vertreibt der Verlag über seine Plattform „Scook“, genutzt werden sie in der gleichnamigen App. Das E-Book der Reihe „Access“ bietet auf den ersten Blick schon mal die Möglichkeiten, die man von einer digitalen Ausgabe eines Papierbuchs erwarten kann: Schnelles Blättern, Durchsuchbarkeit nach beliebigen Wörtern, Lesezeichen, automatisches Öffnen der letztgenutzten Seite, handschriftliches Ergänzen (Stift)/Markieren (Textmarker) und das selektive Löschen der eigenen Einträge. Folgenloses Herumkritzeln im Buch ist also möglich – mal schauen, wie wir diese Möglichkeit später sinnvoll in den Griff kriegen …

Cornelsen_Access

Darüber hinaus schaut es allerdings ziemlich mau aus. Von Interaktivität oder Medieneinbettung keine Spur. Nun gut, Medien sind letztlich wahrscheinlich auch eher im Präsenzunterricht interessant – wer hört sich schon den Lektionstext zu Hause an? – , aber mit der 1:1-Umsetzung eines Papierbuchs ohne weitere Aufbereitung ist hier wirklich gerade mal das Minimum des Erwartbaren umgesetzt. Das Ganze immerhin solide, flüssig, zweckmäßig und auch optisch durchaus ansprechend.

Klett hat mit seinem aktuellen Green Line in der Klett-App darüber hinaus mehr zu bieten. Neben den beschriebenen Grundanforderungen sind auch Hörtexte und kleine interaktive Übungen zum Lektionsinhalt integriert. Medien können in der Klett-App gesondert auch für die Offline-Verwendung heruntergeladen werden.

Klett_Green_Line

Wirklich enttäuschend ist bei Klett im augenblicklichen Entwicklungsstand die Handschriftunterstützung. Mehr als Gekrakel ist hier kaum möglich. Für ein paar Pfeile oder Linien reicht es gerade so, aber vernünftige Arbeit schaut anders aus. Da hat Cornelsen die Nase weit vorne.

Die Voraussetzungen sind jetzt tatsächlich da, um das Papierbuch aus dem Unterricht zu verbannen. Ein entscheidender Schritt allerdings fehlt bei beiden Anbietern noch: Die Split-Screen-Fähigkeit der Apps auf dem iPad. Erst dann könnte rechts das Schulheft und links das Buch benutzt werden. Sind wir wieder auf papiererne Heftführung zurückgeworfen, müssten wir auf wesentliche Vorzüge (1) (2) von Notizen-Apps gegenüber Papier wieder verzichten.

Diese Eindrücke geben natürlich nur den Ist-Stand von Mitte Februar 2019 wieder. Die Funktionalität und die Inhalte der Schulbücher können ständig vom Verlag optimiert und erweitert werden. Punkt für Klett – das Interesse an der kontinuierlichen Weiterentwicklung scheint mir da erheblich ernsthafter zu sein: Die letzte Aktualisierung ist noch nicht mal zwei Wochen alt, bei Cornelsen tut sich seit fast eineinhalb Jahren gar nichts mehr.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 5. November 2018

Klassenarbeiten der Zukunft

Eine Warnung vorweg: Es folgen ein paar noch ziemlich unausgegorene Gedanken zu Klassenarbeiten, in Bayern Schulaufgaben genannt, im digitalen Unterricht. Sie sind also eher Denkanreiz als Konzept, eher Diskussionsgrundlage als Plan für die Zukunft.

Schulaufgaben haben sich seit Jahrzehnten bewährt und liefern – im Gegensatz zu Exen – fast immer sehr aussagekräftige Informationen zum Leistungsstand der Schüler und der Klasse in dem jeweiligen Fach. Deshalb steht ihre grundsätzliche Notwendigkeit bzw. Nützlichkeit nicht in Frage. Eine digitale Anfertigung ist derzeit weder erlaubt noch wirklich sinnvoll.

Denkt man die Digitalisierung des Unterrichts mal in die Zukunft weiter, so gibt es keinen Zweifel, dass Schulaufgaben in den kommenden Dekaden anders aussehen werden. Und zwar ziemlich sicher digital. Verschiedene kleine Bausteine, aus denen sie bestehen könnten, stehen sogar schon heute zur Verfügung. Fünf von ihnen möchte ich hier kurz vorstellen. Die Aufgabe der nächsten zehn Jahre könnte tatsächlich sein, diese Bausteine zu einem Gesamtkonzept zusammenzuführen.

Folgende Überlegungen beziehen sich auf den mir geläufigen Fremdsprachenunterricht, aber ich bin mir sicher, dass andere Fachdidaktiken den Prinzipien zumindest folgen können.

OCR

• Die Umwandlung eines handgeschriebenen Texts in digitalen Text funktioniert bereits verblüffend gut. Wobei es egal ist, ob man handschriftlich auf Papier (einfach abfotografieren oder effizienter als heute einscannen) oder handschriftlich auf einem Tablet schreibt. Computertext ist für viele Korrektur- und Analyseverfahren notwendig.

• Multiple-Choice-Aufgaben zu Hör- oder Textverstehen sind die klassische Domäne elektronischer Systeme. Auch wenn Ankreuz-Prüfungsformen der Ruf nachhängt, recht einfach zu sein, kann ich aus meiner Unterrichtspraxis versichern, dass dem keineswegs so sein muss. Ganz im Gegenteil, der Lehrer kann diese durchaus äußerst komplex gestalten. Für Zuordnungs-, Ausschluss- oder Kategorisierungsaufgaben gilt dasselbe: Die Möglichkeiten sind längst da.

• Lückentexte sind – auf Bairisch gesagt – eh eine gmaahde Wiesn. Der Lehrer muss im Vorfeld ein bisschen überlegen, welche Lösung richtig (1P.), nicht ganz falsch (0,5P.) oder falsch (0P.) ist – das ist aber bereits gelebte Praxis in interaktiven Exen. Kein Problem also. Ganz elegant wäre es natürlich, Lücken handschriftlich auszufüllen, eine OCR-Funktion (siehe oben) läuft drüber und setzt die Buchstaben als Digitaltext ein:
Test-HS

• Ganz futuristisch wird es bei (im Augenblick noch undenkbaren!) Ausspracheübungen. Das gute alte Diktat könnte unter umgekehrten Vorzeichen (der Schüler spricht!) eine Renaissance erleben. Jedes Smartphone und Tablet beherrscht schon heute eine Diktierfunktion in den verschiedensten Sprachen. Warum sollte ein Schüler in einer Schulaufgabe nicht einen vorgegebenen Text auf sein Gerät einsprechen und es wird geschaut, zu wieviel Prozent es zur phonetischen Übereinstimmung mit der Fremdsprache kommt? Die Vorbereitung auf die Sprech-Prüfung muss nicht im Präsenzunterricht geschehen. Technische Unterstützung durch In-Ear-Kopfhörer, ein Mikro mit Nebengeräusch-Unterdrückung, eine eingeübte Programmierung nur auf die eigene Stimme und eine Zeitbegrenzung (alles bereits verfügbar!) könnte in der Zukunft auch in Schulaufgaben das akustische Chaos von 28 gleichzeitig sprechenden Schülern in den Griff kriegen.

• Schülertexte sind also heute schon analysierbar hinsichtlich der Rechtschreibung, der Breite des Wortschatzes (wie viele verschiedene Wörter kommen vor?) und sogar der stilistischen Qualität. Am weitesten in der Entwicklung der Korrekturhilfen ist meiner Erfahrung nach die Autorensoftware Papyrus:

Papyrus

Natürlich sollen die Schüler während des Tests nicht mithilfe dieser Funktionen schreiben. Diese Analysewerkzeuge könnten in eine Software zur Korrekturhilfe integriert werden.

Bald lässt sich mit den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz sicher auch die Textqualität (inhaltliche Stringenz, sinnvolle sprachliche Übergänge, logische Schlussfolgerungen) in einer Weise quantifizieren, die dem bisher vielleicht manchmal auch subjektiven Lehrerurteil gleichkommt – oder dieses sogar übertrifft. Ein erster Schritt ist in Papyrus ebenfalls schon integriert. In fünf farbkodierten Stufen wird die Lesbarkeit eines jeden Absatzes in Prozent angezeigt:

Papyrus - Silanalyse

Eine ganz grundsätzliche Kenntnisnahme dieser Perspektiven würde ich mir natürlich von mebis wünschen, unserer einzig datenschutzrechtlich wasserdichten schulischen Lernplattform hier in Bayern. Dazu müsste man natürlich weg von einem Webdienst hin zu einer App, am besten plattformunabhängig, die allen genannten Anforderungen gerecht würde, sei es Offline-Modus oder die Nutzung der gerätespezifischen Handschrift- und Spracherkennung, langfristig sogar einer integrierten Stilanalyse à la Papyrus. Der Zugriff über einen Webbrowser hat sicherlich keine Zukunft für neu gedachte Prüfungsformate.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 20. Oktober 2018

Hefteinträge früher und heute

Heute nur ein Ultra-kurz-Artikel zum Thema Geografie, verbunden mit einem Arbeitsauftrag an alle, die über zwanzig Jahre alt sind: Vergleicht bitte mal eure eigenen Hefteinträge zum Thema mit diesem hier.Wolken

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 14. Oktober 2018

Das iPad mal sportlich

Auf den ersten Blick scheint das hinten und vorne nicht zusammenzupassen: Was soll ein Tablet in einem Fach, in dem die (häufig auch dringend notwendige) körperliche Betätigung und die Körperbeherrschung im Vordergrund stehen? 

Ganz einfach: Die Videoanalyse der Sportübungen. Eine äußerst engagierte Sportkollegin hat genau das gemacht und alle Möglichkeiten der App Hudl Technique  ausgereizt: Zeitlupe, grafische Illustration und die Seite-an-Seite-Ansicht der Videos zur systematischen Optimierung der Bewegungsabläufe. 

Sport

Sportunterricht wie bei den Profis, der ohne das iPad so nicht möglich wäre. Beeindruckend.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 29. September 2018

Unmittelbares Erleben und Festhalten

Im Physikunterricht der 9. Klasse steht unter anderem das Thema Magnetismus auf dem Lehrplan. Herr Pertl passte diese Einheit kürzlich an die Arbeit mit Tablets an. Nach der üblichen Demonstration des Bestreuens eines Permanentmagneten mit Eisenfeilspänen konnte jeder Schüler den Aufbau abfotografieren (oder alternativ einer und dann das Foto „austeilen“). Die markante Ausrichtung der Späne an den Feldlinien konnte nun von jedem mit dem Stift systematisch nachgezeichnet werden.
Analog dazu illustrierten die Schüler die „Rechte-Hand-Regel“ sowie das Magnetfeld einer Leiterschleife sogar im dreidimensionalen Raum. Was für ein Unterschied in der Herangehensweise im Vergleich zu einem Papier-Physikbuch – es entsteht tatsächlich ansatzweise sogar das Gefühl, im realen Versuchsaufbau „herumzumalen“.

Gerade in den Naturwissenschaften ist das unmittelbare Erfahren wesentlich für das Begreifen von Zusammenhängen. Die selbständige Dokumentation des Gesehenen lässt die Schüler die Erkenntnisse zu einem Teil ihrer eigenen Lernbiografie machen, im Gegensatz zu irgendwelchen standardisierten, vorfabrizierten Abbildungen im Physikbuch. Tablets sind in dieser Hinsicht sicherlich ein erster Schritt dahin, die realen Beobachtungen mit dem Schulbuch/-heft zu verknüpfen und somit die Grenzen zwischen dem eigenen Erfahrungsraum und der häufig trockenen Theorie aufzuweichen.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 7. Juli 2018

Kahoot it!

Ein wesentliches Prinzip unseres Projekts ist von Anfang an die Abwechslung: Auf die besten Programme und Webdienste verlieren auf Dauer ihren Reiz, wenn sie alltäglich werden („Boah, nicht schon wieder …“). Weshalb es durchaus erstaunlich ist, dass wir erst kürzlich ein kleines Werkzeug entdeckt haben, das in vielen ähnlichen Projekten wie unserem zum festen Inventar gehört: Kahoot.

Kurz und bündig ermöglicht dieser Webdienst eine schnelle und unkomplizierte Lernzielkontrolle. Die Lehrkraft sieht innerhalb weniger Minuten, wie viele der Schüler den Stoff bereits verinnerlicht haben.

Als Erstversuch habe ich diese Woche ein Kahoot programmiert, das die wesentlichen Inhalte des dritten Lernjahres Französisch überprüft. Dazu gehört die Verbkonjugation (Futur, Conditionnel, Subjonctif), aber auch Relativ-, Personal- und Demonstrativpronomen.

Konkret sieht das so aus, dass die Schüler nach dem Wer-wird-Millionär-Prinzip immer vier Antworten zur Auswahl haben. Bei mir mussten sie z.B. etwa auswählen, ob „regarderait“ nun Präsens, Futur, Subjonctif oder Conditionnel ist (letztere Antwort ist richtig). Nach jeder Frage wird die erreichte Punktzahl, die auch die Antwortzeit mit einbezieht, der fünf besten Schüler für alle sichtbar angezeigt. Sehr schön, dass die „schlechten“ nicht blöd dastehen, sondern nur ihr eigenes Ergebnis sehen und sich anhand des Gesamtdurchschnitts platzieren können.

Kahoot.png

Eine wesentliche Eigenschaft von Kahoot im Vergleich zu anderen Apps (BookWidgets, Quizlet, Learningapps) ist, dass ihre Anwendung nur im Präsenzunterricht möglich ist, also nicht für die Wiederholung und Vertiefung zu Hause verfügbar ist. Des weiteren können Schüler leider selber keine eigenen Kahoots erstellen und teilen, die Arbeit bleibt also immer am Lehrer hängen. Was andererseits den Vorteil hat, dass sich nur der Lehrer mit einem Account registrieren muss und sich die Schüler mit einem Nickname anmelden, was die Datenschutz-Problematik etwas entschärft.

Eine nette Ergänzung ist übrigens der „Ghost Mode“: Beim zweiten Durchgang sehen Schüler und Lehrer, an welcher Position welche Klassenkameraden bereits in der ersten Runde waren. Spielerei? Natürlich, aber sicher sinnvoll, um erneut einzuschätzen, wo sich die eigenen Kenntnisse im Durchschnitt platzieren. Abgerundet wird Kahoot durch eine durchaus sinnvolle Möglichkeit der persönlichen Bewertung der Aufgabe: Habe ich dadurch was gelernt, fühlte ich mich dabei wohl und würde ich sie anderen empfehlen?

Alles in allem ist Kahoot tatsächlich ein sinnvolles Tool in unserem digitalen Werkzeugkasten. Außerhalb des Notendrucks gibt es individuelles Feedback über den Leistungsstand. Und erfahrungsgemäß bildet es tatsächlich längerfristig ziemlich genau den Notenstand ab, der im Zeugnis sichtbar dokumentiert ist.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 7. Mai 2018

Die öffentliche Wahrnehmung

Die Lesesucht

Auch und vor allem die Jugend betreffend wurde das viele Lesen stark kritisiert. Beneken* argumentiert auf psychopathologischer Ebene. Seinen Beobachtungen nach sei die Jugend „verlohren — ohne Rettung verlohren.“ Weiterhin diagnostiziert er „unüberwindliche Trägkeit, Eckel und Widerwillen gegen jede reelle Arbeit […] ewige Zerstreuung und unaufhörliche Ratlosigkeit der Seele, die nie eine Wahrheit ganz fassen, nie einen Gedanken ganz fest halten kann.“ Dies seien die unvermeidlichen Folgen der Lesesucht.

*Georg Wilhelm Friedrich Beneken, frühes 19. Jhdt. https://de.wikipedia.org/wiki/Lesesucht

An Ostern gab die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, ihre Pläne für Deutschlands Schulen bekannt. Gerade Tablets standen im Mittelpunkt ihrer Umbaupläne.
Die Resonanz auf ihre Äußerungen ließ nicht auf sich warten. Da dieses Thema unser iPad-Projekt direkt betraf, tauchte ich ab in die Kanalisation des Internet: Die Foren der Nachrichtenportale. Trete vor die Bühne der Besserwisser. Der schreienden Experten für alles. Dorthin, wo jeder seine zufällig irgendwann gebildete Meinung zu egal welchem Thema einfach mal rausrotzt, ohne sich mit den Details der jeweiligen Sachlage jemals ernsthaft beschäftigt zu haben.

Hier ein paar Anmerkungen zu den Meinungsäußerungen im Forum zum Beitrag der Welt.de zu diesem Thema.

 
1Mir ist in all den Jahren noch kein Fall zu Ohren gekommen, in denen ein Tablet in der Schule beschädigt wurde.

Ein iPad in der Normalgröße ist nur unwesentlich kleiner als eine Schulbuchseite und hat den riesigen Vorteil, dass man Teile der Seite vergrößern kann.

Den Sonnenschutz gibt es bereits, er heißt Außenjalousie. Netzteile brauchen wir auch nicht, die Schüler kommen mit voll geladenen Geräten, die Akkus halten auch nach drei Jahren noch locker sieben Stunden oder mehr. Probleme mit leeren Akkus haben wir im Zeitalter der USB-Zusatzakkus praktisch keine. Weniger jedenfalls als mit vergessenen Heften in Papierklassen.

Einen Schulserver brauchen wir auch nicht, entscheidend ist allerdings leistungsfähiges W-LAN und ein schneller Internetzugang.

 

 

 

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Doch, aktuell für 349,- Euro + 99,- Euro für einen Stift. Ja, auch die Microsoft- und Samsungstifte arbeiten sehr schön. Kosten auch ähnlich viel.

Updates gibt es bei Apple vier bis fünf Jahre lang. Das aktuelle iOS 11.3 läuft z.B. noch auf einem iPad Air von 2013.

Custom-ROM ist wohl irgendein Hack. Nix für mich, nix für uns in der Schule.

Akkus leben ziemlich lang, siehe oben. Laptop-Funktionen haben wir bisher nicht vermisst – ganz im Gegenteil: Die Tastatur-Maus-Zentrierung dieser Geräte verhindert eher den intuitiven Umgang mit den Inhalten.

Die Laptop-Tablet-Hybride (Convertibles) sind außerdem zu schwer und zu teuer für unsere Zwecke.

Ihre Enttäuschung mit dem iPad betrübt mich, sie stehen halt leider ziemlich alleine da.

 

 

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Bei kurzfristigen Stromausfällen würde höchstens der Beamer ausfallen, die Tablets arbeiten mit Akkus. Bei längeren Stromausfällen (ein sehr theoretischer Fall!) hätten wir ganz andere Probleme.

Unsere Schüler reden, schreiben und rechnen übrigens auch ganz ohne Stromantrieb. Ihre Hände wirken nach einer flüchtigen Kontrolle während des Unterrichts augenscheinlich nicht verformt, systematisch überprüft habe ich das allerdings nicht.

Zum Optiker: In unserem Unterricht wird nicht stundenlang nur aufs Display gestarrt. Dass das Display schädlicher als Buch und Heft sein soll, ist wissenschaftlich nicht nachweisbar. Stundenlanges Sitzen ist sehr schlecht, war aber schon immer so. Alternative Vorschläge sind aber willkommen.

In unserer Schule wurden meines Wissens noch nie Schränke gebaut.

 

 

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Der Punkt „Gewicht des Schulranzens“ hat sich nach vielen Elterngesprächen tatsächlich als wichtiger erwiesen, als wir Lehrer das so glaubten.

Die Entlastung der Schülerrücken ist bereits jetzt Realität: Das Tablet ersetzt einen ganzen Schwung von Haus- und Schulheften, den Atlas, Stifte, Tippex, Schere etc. Alleine die Stiftsammlung in OneNote würde kaum in einen ganzen Ranzen passen.

Die Erleichterung wird mit der neuen Lehrbuchgeneration noch deutlich spürbarer, die Bücher für den neuen G9-Lehrplan sind von den meisten Verlagen in ihren Apps digital verfügbar. Die jetzigen Fünfklässler in Bayern können demnächst auf noch erheblich leichtere Schulranzen hoffen.

 

 

 

 

 

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Nein, „brauchen“ tun sie das nicht. Möglicherweise noch nicht mal zum Lernen. Vielleicht auch keine Tafel, kein Heft oder sogar keine Bücher – jeder lernt anders.

Lernen war immer „Schnick-Schnack“: Papier, Stift, Tafel, Tageslichtprojektor … Wir nennen das übrigens „Lernmittel“.

Mit Stift, Papier, Zirkel und Lineal arbeiten auch unsere Schüler und lesen „normale“ Bücher. In den Tabletklassen ab der Mittelstufe dann vielleicht etwas weniger mit Zirkeln in Papierbüchern.

Klassischer Whataboutism: Gibt’s nicht wichtigere Probleme? In den Schulen steht zur Zeit zurecht die Digitalisierung im Fokus, und darum kümmern wir uns. In unserem kleinen Bereich. Wie alle anderen Branchen in ihrem auch.

 

 

 

6.pngUnsere Mittelstufler kommen aus der Grundschule und gymnasialen Unterstufe und bringen Lesen/Schreiben/Rechnen bereits mit. Wir entwickeln diese Fertigkeiten dann weiter, auch mit digitalen Möglichkeiten.

Der Verweis auf Studien hat ohne Hintergrund (Wer? Wann? Wo? Methodik? Veröffentlichung? Rezeption? Finanzierung?) in Diskussionen keinerlei Relevanz.

Gerade Erarbeiten und Selbermachen ist mit unseren digitalen Infrastruktur in einem vorher nicht denkbaren Rahmen möglich geworden.

Mit „Hat es uns geschadet“ haben mir gegenüber schon ältere Herrschaften physische Gewalt in der Schule, also Tatzen, gerechtfertigt.

 

 

Mir ist bereits wiederholt aufgefallen, dass Menschen das Bildungssystem, in dem sie selbst großgeworden sind, im Nachhinein als das „allerbeste“ bezeichnen. Es hat ja schließlich so großartige Menschen wie sie selber hervorgebracht. Danach ging es bei jeder Umstellung und Neuerung nur noch bergab – alle immer blöder und die Standards immer niedriger. Und das seit hunderten von Jahren.

Kann man so sehen und sogar Geld damit machen: Manfred Spitzer (sehr lesenswerter Artikel übrigens!) lebt davon. Nur tut man unseren Kindern damit keinen Gefallen. Schade, Chance vertan.

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