Verfasst von: Gerhard Piezinger | 1. Oktober 2019

Classcraft

Das 4K-Modell des Lernens, die veränderte Rolle des Lehrers, der Leitmedienwechsel, selbstgesteuertes Lernen: Alles zentrale Aspekte im derzeitigen digitalen Umbruch des schulischen Lernens. Aspekte und Denkansätze, die überhaupt erst eine Orientierung bei der Frage ermöglichen, wo wir überhaupt hinwollen, wie wir das machen und was wir bereits jetzt davon wie umsetzen.

Im Schatten dieser faszinierenden Leitfragen will ich ein kostenloses Spielchen für die ganze Klasse vorstellen, welches das schulische Lernen so überhaupt gar nicht neu definiert. Classcraft hilft aber bei den täglichen, kleinen und oftmals lästigen Alltagsdingen vor der Klasse: Hausaufgaben-Strichliste, Tafel sauber, Vulgärsprache, Störungen aller Art, Motivation zur Mitarbeit. Das hat alles nichts mit Unterrichtsentwicklung oder Lernen im engeren Sinn zu tun, sondern bezieht sich rein auf die Rahmenbedingungen, die als Voraussetzungen für jegliche gemeinsame Arbeit einfach sichergestellt sein müssen. (Insofern hat es dann natürlich doch etwas mit Lernen zu tun, weil es die Grundlagen dafür schafft.)

Classcraft

Aber von vorne: Classcraft lehnt sich in der grafischen und inhaltlichen Gestaltung an Fantasy-Spiele an, also Rollenauswahl zwischen Krieger, Zauberer und Heiler, individuelle Gestaltung der Spielfigur, Teams innerhalb der Klasse, Gesundheits-, Aktions- und Erfahrungspunkte, Erwerb von „Kräften“, überraschende Ereignisse – bei mir am Stundenanfang – sowie Belohnungen bei speziellen Quests.

Kernaspekt des Spielverlaufs, der sich über das ganze Schuljahr ziehen kann, ist der Punktgewinn und -abzug im Unterrichtsverlauf. Sich einbringen (dreimal in Folge melden, Zusatzmaterial zu Unterrichtsinhalten vorstellen, eigene Ideen entwickeln, interessante Fragen stellen, herausragende Hefteinträge, Kommunikationsverhalten), all dies wird mit Erfahrungspunkten belohnt. Erfahrungspunkte (XP) können auch nicht mehr abgezogen werden und erlauben beim Erreichen einer neuen Stufe zusätzliche Ausrüstung und „Kräfte“.

Bei den üblichen „Vergehen“ (Hausaufgaben vergessen, unangemessene Beiträge oder störendes Verhalten) werden Gesundheitspunkte abgezogen. Schüler innerhalb eines Teams können sich gegenseitig gegen die Maßnahmen des Lehrers schützen, was aber Punkte kostet, die wieder herein gearbeitet werden müssen.

Dazu kommt das Erlernen von bestimmten „Kräften“, die einem gewisse Privilegien sichern können: Fünf Minuten eher in die Pause gehen, eine Woche lang Platz mit einem beliebigen Mitschüler tauschen, einmal Hausaufgaben nicht machen etc. Ob sich die Kraft  „einen Extrapunkt bei einer Stegreifaufgabe“ mit den Leitlinien zur Leistungserhebung in den modernen Fremdsprachen in Einklang bringen lässt, da muss ich noch mal nachschauen.

Witzigerweise lassen sich auch Zugänge für die Eltern anlegen. Diese dürfen ihrem Nachwuchs dann auch für heimische Tätigkeiten (Hilfe bei Garten- oder Hausarbeiten? Zimmer aufräumen? Eine Stunde ohne Spielkonsole?) eine begrenzte Anzahl an Erfahrungspunkten zukommen lassen.

Das Spiel kann übrigens auch völlig außerhalb des Präsenzunterrichts in „analogen“ Klassen gespielt werden. Es reicht, wenn die Schüler die App fürs Smartphone alle paar Tage mal checken.

Natürlich stehen meine Erfahrungen nach zweieinhalb Wochen Einsatz noch am Anfang, die Klasse scheint Classcraft bisher aber recht ernst zu nehmen. Wie bei allen digitalen Werkzeugen und Verfahren gilt: Ich werde den Verlauf des Versuchs recht genau begleiten und schauen, ob es einen konstruktiven Beitrag zum Unterrichtsverlauf leistet.

Und selbst wenn nicht, aber allen Beteiligten einfach nur Spaß macht?

Im Augenblick stehen alle Zeichen auf Weitermachen.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 24. September 2019

Tauscht bitte die Hefte mit eurem Nachbarn

Alle machen eine Aufgabe, der Lehrer geht durch die Reihen, gibt vereinzelt Tipps, dann eine Musterlösung, alle korrigieren (idealerweise in einer anderen Farbe) ihr Ergebnis, fertig. Richtig und falsch, gut und schlecht: Der dicke Mann (/schlanke Frau) hinter dem Pult entscheidet.

Der Ansatz des Peer Assessment setzt hingegen darauf, dass sich Lerner gegenseitig unterstützen – Arbeitsergebnisse austauschen, analysieren und schließlich auch bewerten.

Ein Hefttausch am Ende einer Einzelarbeitsphase bzw. bei der Hausaufgabendurchsicht endet je nach Jahrgangsstufe und dem Grad der geistigen Reife der Schüler auch gern mal in zerknitterten Seiten und Füllerskizzen von Körperteilen oder -produkten, und die Ernsthaftigkeit der Korrekturanstrengungen ist in der Breite kaum abschätzbar.

Die Aktivität „Gegenseitige Beurteilung“ auf unserer bayerischen Lernplattform mebis (Moodle) bildet diese Herangehensweise im gemeinsamen Kursraum ab: Es gibt eine zentrale Aufgabe, die Schüler reichen sie ein, andere korrigieren und bewerten das Ergebnis.

Dazu kommen natürlich Zusatzfunktionen, die man auf Papier wohl nur aufwändig umsetzten könnte:

  • die genaue Definition von Kriterien der Beurteilung
  • die differenzierte numerische Bepunktung von Einzelaspekten und deren Gewichtung
  • die Möglichkeit, mehrere Klassenkameraden unabhängig voneinander drüber schauen zu lassen
  • die zufällige Zuordnung von Beurteilendem und Beurteilten
  • … die vollständige Übersicht für den Lehrer, wie die Korrektur und Bewertung erfolgt sind.

Im Nachgang bewertet ein Algorithmus sogar die Qualität des individuellen Schülerurteils selbst: Je weiter es vom Durchschnitt der anderen bei derselben Einreichung abweicht, desto weniger Punkte gibts. Beide Aspekte werden jetzt zu einer Endpunktzahl verrechnet – also die Bewertung des eigenen Beitrags durch die Mitschüler sowie auch die Treffsicherheit der eigenen Bewertung der Beiträge anderer. 

Gegenseitigbeurteilen

Am Ende steht dabei die Hoffnung, dass die Schüler die an sie gestellten Erwartungen präzise erfassen, ihre eigene Leistung neutral und kriterienorientiert einordnen können und sich letztlich auch am Leistungsstand der anderen orientieren.

Vor allem bei  komplexeren Aufgaben entscheidet schließlich auch in einer digitalen Lernumgebung nicht nur vorprogrammierte Software über die Bewertung von Schülerleistungen, sondern immer auch andere Menschen. Dem Urteil der Mitschüler wird möglicherweise mindestens ebenso viel Bedeutung beigemessen wie dem der Lehrkraft, aber wer weiß das schon …

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 6. Juli 2019

OER auf Bairisch

Die aufklärerische Idee der „Open Educational Resources“ (OER) ist bestechend: So wie Wikipedia das Wissen der Welt für alle Menschen der Erde bereitstellt, so könnten freie Schulmaterialien weltweit für mehr Chancengleichheit beim Erwerb von Wissen sorgen. Ziele dieser hehren Idee ist natürlich mehr Gerechtigkeit beim Zugang zu Bildung, somit die Förderung der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung und schließlich eine bessere Zukunft für Regionen dieser Welt, die nicht über ein so hochentwickeltes Verlagswesen verfügen wie wir. Wobei aber auch hierzulande freie Unterrichtsmaterialien sicher eine nützliche und sinnvolle Erweiterung für die schulische Arbeit darstellen können.

Die derzeit passendste bairische Übersetzung von „Open Educational Resources“ ist „mebis teachSHARE“. Wenn man sich von der merkwürdigen Verteilung von Klein- und Großbuchstaben nicht von einem Klick darauf abschrecken lässt, findet man Mebis-Kurse, die von Kollegen bayernweit zur freien Verwendung bereitgestellt wurden. Natürlich ist unsere Lernplattform nur für bayerische Lehrer und Schüler zugänglich – da hier aber bereits genau auf die Benutzung freier Lizenzen (CC) geachtet wird, steht einer Freigabe über Mebis hinaus in der Zukunft vielleicht nichts mehr entgegen, wer weiß.

Die bestbewerteten Teachshare-Kurse sind derzeit tatsächlich aus dem Fach Französisch: Mit dem Projekt FranzL zeigen ein paar Kollegen aus Niederbayern in beeindruckender Weise, was unter den aktuellen Rahmenbedingungen (Teachshare, Mebis-Aktivitäten, externen Webdiensten und vor allem auch in Verbindung mit H5P) bereits heute möglich ist.

FranzL

Ein Probedurchgang in meinem Q11-Kurs Französisch verlief letzte Woche sehr ermutigend: Die Schüler versanken entspannt und konzentriert in die Welt der französischem Verbformen – durchaus auch in der Oberstufe eine noch sinnvolle Wiederholung!

Dank solcher Initiativen scheint das Thema OER aktuell wirklich an Schwung zu gewinnen. Wenn das mal keine guten Nachrichten sind!

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 1. Juni 2019

Wieder ein neues Werkzeug: Quizizz

Nach BookWidgets, Quizlet, Kahoot und Learningapps das nächste Werkzeug in unserem digitalen Lehrerrucksack: Quizizz. Der Webdienst orientiert sich in vieler Hinsicht an Kahoot: URL und Beitrittscode, jeweils vier Antworten zur Auswahl, ständig aktualisierte Bestenliste, die inzwischen fast obligatorische App, Nutzung bereits vorhandener geteilter Fragesets möglich. Ein paar Unterschiede zu Kahoot gibt es aber doch:

  • Die grafische Umsetzung ist weitaus beeindruckender. HTML 5 voll ausgereizt.
  • Biologie, Mathe, Physik, Geografie, Geschichte, Sprachen – für alles schon fertige Sets da. Überwiegend allerdings auf Englisch.
  • Die auf dem Lehrerrechner/Beamer angezeigte Bestenliste umfasst alle Schüler, lässt sich aber mit einem Klick auf besten fünf beschränken.
  • In dem kostenlosen Lehrerkonto sind alle gespielten Sets dauerhaft gespeichert und einsehbar, einschließlich der erreichten Punkte aller Teilnehmer.
  • Schülerinnen und Schüler brauchen kein Nutzerkonto, können also sowohl die Sets des eigenen Lehrers wie auch den gesamten Übungspool von Quizizz benutzen.
  • Die Möglichkeit, sich mit registrierten Schülern (DSGVO?) ein eigenes Klassenzimmer einzurichten, um ihnen Übungen fest zuzuweisen oder gar als Hausaufgabe zu stellen, scheint mir leicht verzichtbar.
  • Laufende Statistiken über die Prozentzahl der richtigen Lösungen der Lerngruppe werden angezeigt.
  • Die Reihenfolge der Fragen in einem Lernset ist für jeden Schüler auf Zufallsbasis verschieden. Also kein Spicken möglich.
  • Großes Plus: Quizizz-Sets können auch von zu Hause aus in einem Singleplayer-Modus gespielt werden.

Quizizz

Wie bei allen dieser Werkzeuge sollte man sich als Lehrkraft natürlich keinesfalls dazu hinreißen lassen, die gezeigten Schülerleistungen zur Notenvergabe zu nutzen: Das Klicken auf richtige Lösungen zeigt sicher keine Sprachkompetenz, schriftlich oder mündlich, die unserem Ziel des Unterrichts entspricht. Ebenso handelt es sich nicht um Spracherwerb im eigentlichen Sinne, denn der wesentliche Aspekt – Kommunikation – fällt hier völlig weg. Wenn man sich diese Aspekte im Hinterkopf behält, hat das Werkzeug in bestimmten Unterrichtsszenarien (Festigung von Grammatik oder Wortschatz, Wiederholung vor Leistungserhebungen) sicher seinen Platz und einem wohldosierten Einsatz von Quizizz steht nichts mehr entgegen.

Verfasst von: nilsboedeker | 2. Mai 2019

Weiter, immer weiter

Wenn Oliver Kahn einst nach dem Geheimnis seines Erfolgs gefragt wurde, kamen in seiner Antwort immer die Worte „Weiter, immer weiter“ vor. Sie beschreiben sehr gut, worauf es ankommt, wenn etwas richtig gut und Gutes noch besser werden soll: Niemals ausruhen auf dem Erreichten, sich ständig hinterfragen und neugierig bleiben auf neue Dinge.

Nun geht es in unseren Tablet-Klassen nicht um die Champions League, nicht um den Weltmeistertitel und auch nicht um die Deutsche Meisterschaft. Aber dennoch treffen die Worte Oliver Kahns auf uns zu.

Oliver Kahn bei seinem Abschiedsspiel 2008.

Einerseits geht das von vielen immer noch als „Projekt“ bezeichnete digitale Lernen in den Tablet-Klassen immer weiter, denn auch in diesem Jahr haben sich 70 Prozent der Siebtklässler für den Unterricht in einer Tablet-Klasse ab der achten Jahrgangsstufe entschieden. Darüber freue ich mich gerade in diesem Schuljahr sehr, da wir in den siebten Klassen insgesamt vergleichsweise wenig Schülerinnen und Schüler haben und ich daher deutlich mehr Werbung gemacht habe als sonst. Und da ich auf meinen eigenen Wunsch hin mehr in der Unterstufe unterrichte als früher, konnte ich den Schülerinnen und Schülern somit viele Einblicke in die wunderbare Welt des digitalen Lehrens und Lernens geben. Damit starten wir im nächsten Schuljahr mit der dann insgesamt zehnten (elften, zwölften, …?) Tablet-Klasse an unserer Schule und wir konnten seit dem Neustart im Jahr 2015 die Anzahl auf vier Tablet-Klassen pro Schuljahr steigern. Aber natürlich ist all dies eine starke Teamleistung, da wir mittlerweile über 20 Kolleginnen und Kollegen an unserer Schule haben, die in einer der Tablet-Klassen unterrichten – eine sicherlich vergleichsweise erfreulich hohe Anzahl.

Immer weiter geht aber auch, da wir uns inhaltlich und strukturell weiterentwickeln. Dies beginnt mit der Analyse der anonymen Befragung der Schülerinnen und Schüler der Tablet-Klassen, die uns ein wieder mehrheitlich gutes Zeugnis ausstellen. So sagen bspw. 78 Prozent, dass sie durch die Tablets motivierter arbeiten und 87 Prozent geben an, dass sie sich durch die digitale Unterstützung die Unterrichtsinhalte besser vorstellen können. 88 Prozent können mit Hilfe der Tablets selbständiger arbeiten und erfreulicherweise empfehlen 95 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Tablet-Klassen weiter.

Der ständige Wandel der digitalen Welt verlangt natürlich auch von uns, dass wir stets am Ball bleiben. So bin ich besonders meinem Kollegen Stefan Schuch dankbar, der uns immer wieder auf tolle Ideen bringt und neue Software bzw. Apps einführt. Am wichtigsten waren hierbei sicherlich OneNote und OneNote Classroom von Microsoft, die unseren Unterrichtsalltag sehr erleichtert haben und wirklich als powerful tools für Schüler und Lehrer bezeichnet werden können. Oder auch die von ihm entdeckte App Newsela, die binnendifferenzierte Textarbeit im Fremdsprachenunterricht ermöglicht und klar die Vorteile digitalen Arbeitens aufzeigt.

Wir bleiben auch in Zukunft offen für Neues und haben schon so viele weitere Dinge in Planung. So will ich die medienpädagogischen Inhalte weiter ausbauen, die Ausrichtung auf iOS verstärken und das Team noch vertrauter mit verschiedenen Apps machen. Dank unseres Systemadministrators Christian Pertl haben wir jetzt auch mobile iPads und können so auch in den ‚normalen‘ Klassen verstärkt auf digitales Lernen setzen. Es gibt viel zu tun, ich freue mich darauf.

Es geht weiter, immer weiter.

Nils Bödeker

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 24. April 2019

Eine Ostergeschichte 2039

Ein frühsommerlicher Ostersonntag im Jahr 2039.
Ein Gymnasiallehrer a.D. spricht nach dem Mittagsbraten und zwei Weißbieren mit seinem schulpflichtigen Enkel auf der Terrasse.

Eingefangen und aus dem Bairischen übertragen von G.P.

– Opa, stimmt das, was mir der Papa erzählt hat?

– Oje, was denn?

– Na dass du damals iPads in der Schule eingeführt hast.

– Na ja, mehr oder weniger, meine Schüler durften die halt zum erstenmal offiziell im Klassenzimmer benutzen.

– Klassenzimmer? War das so was wie ein Lernbereich?

– So ungefähr. Da saßen damals tatsächlich so um die fünfundzwanzig Kinder alle im gleichen Raum!

– Was? Wie soll man denn da lernen?

– Das war damals noch nicht so üblich, das eigene, entdeckende Lernen in wechselnden Teams. Da gaben wir Lehrer tatsächlich den Rhythmus vor, und alle mussten das lernen, was wir wollten – egal ob es sie gerade interessierte oder nicht. Also eine tolle, entspannte, auch bequeme Zeit für uns Lehrer, auch weil die Kinder einem alles glauben mussten. Es konnte ja keiner schnell checken, ob man nicht Quark erzählt (kichert).

– Wahnsinn.

– Ja, damals war noch nicht alles digital wie heute. So, und jetzt iss dein Osterei. (Lehnt sich gedankenversunken zurück.)

– Hä? Was ist denn „digital“?

– Hm? Also du mit deiner Fragerei. Also schau, unsere Welt hier besteht praktisch nur aus Nullern und Einsern. Alles was wir hören, lesen, anschauen – alles Null und Eins. Analog ist, wenn du – ja, äh – also was mit deinen Fingern machst. Obwohl, nein, also, ohne Hilfsmittel. Oder so: Analog ist, wenn wir hier so dasitzen und ratschen. Oder du dein Osterei abschälst und Salz drüber streust, das ist analog. So ähnlich jedenfalls. Mann Bub, mach mich nicht wahnsinnig mit deiner Fragerei, ich war Fremdsprachenlehrer! Schau doch selber nach. So. (Grummelt).

– Hm.

– (Blinzelt) Jedenfalls waren die meisten Lernmaterialien noch aus Papier!

– Papier? Das kenn ich, von den Burgerverpackungen und den Zetteln, die immer Mamas Tabletten beiliegen. Papier raschelt sehr schön. Und im Kindergarten haben wir damit mal Blumen gebastelt.

– Stell dir vor, die Schüler mussten dann mehrere Kilo Papier jeden Tag in die Schule und mittags wieder nach Hause schleppen!

– Haben sie die dann irgendwie gefahren, geflogen oder gerollt?

– Gerollt war eher die Ausnahme, persönliche Gepäckdrohnen gab es auch noch nicht. Viele wurden auch deshalb von ihren Eltern im eigenen, tonnenschweren Explosionsmotor-Auto bis direkt an den Schulhof gefahren haben – kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, oder?

Igitt.

– Richtig saublöd bei den Papierbüchern war, dass die ja nicht aktualisiert wurden. Teilweise war der Wissensstand in den Büchern 15 Jahre alt! Und das bei der Geschwindigkeit, in der sich die Ereignisse und Entwicklungen damals schon förmlich überschlugen …

– Ach Opa, das war echt so Dino-mäßig damals. Sogar dein erstes Tablet hast du mir ja schon mal gezeigt, total schwer, fett und unglaublich langsam.

– Aber es konnte WLAN!

– Was ist das denn schon wieder?

– Eine frühe Art Funknetz, aber örtlich gebunden, so im Radius von 10-15 Metern. So absurd das klingt: Anfangs gab es im Kollegium sogar noch Befürchtungen, das könnte gesundheitsschädlich sein! Trotzdem war WLAN schon viel besser als die Computerräume.

– Was soll das denn sein, „Computerräume“?

– Im Prinzip ein muffiger, abgeschlossener Lernraum mit einem PC pro Schüler.

– PC? Personal Coach?

– Nein, Personal Computer, so ein fensterkittgrauer, surrender Standcomputer mit Maus und Tastatur. Ich kann mich noch erinnern, man musste den Raum für bestimmte Stunden reservieren und hat sich geärgert, wenn wieder ein Kollege schneller war. Unterrichtsplanung unter diesen Bedingungen war da echt eine Herausforderung, Spontanität praktisch nicht umzusetzen …

– Ihhhh, musste man dann die Geräte anfassen, die auch andere schon benutzt haben? Mit ihren ungewaschenen Fingern, bei Erkältungswellen vollgerotzt? Brrr …

– Ja, nein, so schlimm war es aber nicht. Schlimmer waren die Passwort-Vergesser in der Klasse.

– Cool, was ist denn ein Passwort?

– Na ja, wenn du an einem fremden Gerät … stell dir vor, da hatte noch nicht jeder sein eigenes … Ach egal, das war halt früher so, wenn du nur Tastatur und Maus hattest, um dem Gerät was mitzuteilen. Statt deinem Fingerabdruck, deinem Gesicht, deiner Watch oder deiner Implantate war eine Buchstabenkombination gewissermaßen deine Zutrittsberechtigung zur Maschine. Komm, vergiss es und iss jetzt dein Ei.

– A propos Tastatur, hat das denn nicht ewig gedauert, bis man die einzelnen Tasten getroffen hat?

– Manche waren da ehrlich gesagt recht geschickt. Es gab sogar Kurse für „Maschinenschreiben“! Im Nachhinein eher Zeitverschwendung, weil die Tastaturen verschwunden sind. Aber was red ich, wenn man wie du nur noch Handschreiben, Diktieren, Touch und implantierte Bewegungskontrolle kennt!

– Opa, hilfst du mir mal mit dem blöden Ei? Im Video hier macht das eine Frau so, dass die Schale in nicht mehr als drei Stücken abgeht …

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 13. April 2019

Binnendifferenzierung in der Praxis: Newsela

Einen radikal neuen Ansatz beim Umgang mit Texten bietet Newsela  – die Auflösung des Schwierigkeitsgrades. Hunderte von englischen Zeitungs- und Magazinartikel stehen in fünf Versionen zur Verfügung. Je einfacher das Sprachniveau, umso mehr werden verschachtelte Relativsätze aufgelöst, der Satzbau vereinfacht und fachspezifische Ausdrücke durch gemeinsprachliche ersetzt.

Newsela

Die Anspruchsniveaus sind geordnet nach der Anzahl der darin verwendeten, verschiedenen Wörter. Diese Sprach-Level können jederzeit neu ausgewählt werden.

Der Clou dabei ist, dass man den Text durch das Herunterwischen mit zwei Fingern jederzeit mit der nächst-einfacheren Version überblenden kann. Oben der einfachere, unten der komplexere Text:

 

 

Für Sprachenlehrer ist das Potenzial natürlich enorm: Will man sich mit aktuellen Texten etwas vom Lehrbuch lösen, ist es gerade in den unteren Klassen schwierig, die richtige Balance zwischen „zu schwierig“ (abschreckend) und „zu einfach“ (langweilig) zu treffen. Das uralte Problem des „Unterrichts im Gleichschritt“: Man orientiert sich an einem fiktiven Durchschnittsschüler und benachteiligt dadurch im Endeffekt sowohl die Leistungsstärkeren als auch die -schwächeren. Digitale Werkzeuge wie Newsela bieten hier Möglichkeiten der Differenzierung, die noch vor kurzer Zeit undenkbar oder nur mit gewaltigem Aufwand zu realisieren gewesen wären.

Eine Anfrage, wann und wie die App auch hier in Deutschland in vollem Umfang (Klassenverwaltungs- und Lehrerfunktionen) genutzt werden kann, ist raus.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 10. Februar 2019

Die Verlage kommen in die Gänge

Spricht man Kollegen, Freunde oder Eltern auf das Thema „Tablets im Unterricht“ an, kommt normalerweise als erste Reaktion: „Super, endlich keine Schulbücher mehr schleppen.“ Leider müssen wir dann oft die Erwartungen enttäuschen, weil die Schulbücher schlicht und ergreifend von den Verlagen nicht digital angeboten werden.

Die gute Nachricht: Genau das ändert sich gerade massiv. Grund dafür ist die Umstellung des bayerischen G8-Lehrplans auf den „LehrplanPLUS“ im Rahmen der Wiedereinführung des G9 im bayerischen Gymnasium. Damit geht auch eine neue Lehrbuchgeneration einher. Die etablierten Verlage nutzen nun die Umstellung zu einer breit angelegten Digitaloffensive. Offenbar ist inzwischen genügend Nachfrage da, um sich mit einem umfangreichen digitalen Angebot gegenüber der Konkurrenz in diesem Markt behaupten zu können. Die Entscheidung über die zukünftigen Lehrbücher treffen schließlich die Kollegien an jeder einzelnen Schule, und die wollen überzeugt werden.

Für das Fach Englisch, das bereits das zweite Jahr (aktuelle Klassen 5 und 6) mit den neuen Lehrbüchern unterrichtet wird, stehen diese inzwischen zur Verfügung. Sowohl Klett („Green Line“) als auch Cornelsen („Access“) sind hier die Marktführer. Grund genug, mal einen Blick auf die beiden Angebote mit Hinsicht auf die Verwendbarkeit in zukünftigen Tabletklassen zu werfen.

Die Fragen nach den Kosten der unterschiedlichen Lizenzmodelle lassen ich hier weg, diese sind bestenfalls für Schulleitungen interessant. Fest steht natürlich, dass für Schüler bzw. Eltern die bisherige Lernmittelfreiheit weiter besteht.

Fangen wir mal mit Cornelsen an. Digitale Lehrbücher vertreibt der Verlag über seine Plattform „Scook“, genutzt werden sie in der gleichnamigen App. Das E-Book der Reihe „Access“ bietet auf den ersten Blick schon mal die Möglichkeiten, die man von einer digitalen Ausgabe eines Papierbuchs erwarten kann: Schnelles Blättern, Durchsuchbarkeit nach beliebigen Wörtern, Lesezeichen, automatisches Öffnen der letztgenutzten Seite, handschriftliches Ergänzen (Stift)/Markieren (Textmarker) und das selektive Löschen der eigenen Einträge. Folgenloses Herumkritzeln im Buch ist also möglich – mal schauen, wie wir diese Möglichkeit später sinnvoll in den Griff kriegen …

Cornelsen_Access

Darüber hinaus schaut es allerdings ziemlich mau aus. Von Interaktivität oder Medieneinbettung keine Spur. Nun gut, Medien sind letztlich wahrscheinlich auch eher im Präsenzunterricht interessant – wer hört sich schon den Lektionstext zu Hause an? – , aber mit der 1:1-Umsetzung eines Papierbuchs ohne weitere Aufbereitung ist hier wirklich gerade mal das Minimum des Erwartbaren umgesetzt. Das Ganze immerhin solide, flüssig, zweckmäßig und auch optisch durchaus ansprechend.

Klett hat mit seinem aktuellen Green Line in der Klett-App darüber hinaus mehr zu bieten. Neben den beschriebenen Grundanforderungen sind auch Hörtexte und kleine interaktive Übungen zum Lektionsinhalt integriert. Medien können in der Klett-App gesondert auch für die Offline-Verwendung heruntergeladen werden.

Klett_Green_Line

Wirklich enttäuschend ist bei Klett im augenblicklichen Entwicklungsstand die Handschriftunterstützung. Mehr als Gekrakel ist hier kaum möglich. Für ein paar Pfeile oder Linien reicht es gerade so, aber vernünftige Arbeit schaut anders aus. Da hat Cornelsen die Nase weit vorne.

Die Voraussetzungen sind jetzt tatsächlich da, um das Papierbuch aus dem Unterricht zu verbannen. Ein entscheidender Schritt allerdings fehlt bei beiden Anbietern noch: Die Split-Screen-Fähigkeit der Apps auf dem iPad. Erst dann könnte rechts das Schulheft und links das Buch benutzt werden. Sind wir wieder auf papiererne Heftführung zurückgeworfen, müssten wir auf wesentliche Vorzüge (1) (2) von Notizen-Apps gegenüber Papier wieder verzichten.

Diese Eindrücke geben natürlich nur den Ist-Stand von Mitte Februar 2019 wieder. Die Funktionalität und die Inhalte der Schulbücher können ständig vom Verlag optimiert und erweitert werden. Punkt für Klett – das Interesse an der kontinuierlichen Weiterentwicklung scheint mir da erheblich ernsthafter zu sein: Die letzte Aktualisierung ist noch nicht mal zwei Wochen alt, bei Cornelsen tut sich seit fast eineinhalb Jahren gar nichts mehr.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 5. November 2018

Klassenarbeiten der Zukunft

Eine Warnung vorweg: Es folgen ein paar noch ziemlich unausgegorene Gedanken zu Klassenarbeiten, in Bayern Schulaufgaben genannt, im digitalen Unterricht. Sie sind also eher Denkanreiz als Konzept, eher Diskussionsgrundlage als Plan für die Zukunft.

Schulaufgaben haben sich seit Jahrzehnten bewährt und liefern – im Gegensatz zu Exen – fast immer sehr aussagekräftige Informationen zum Leistungsstand der Schüler und der Klasse in dem jeweiligen Fach. Deshalb steht ihre grundsätzliche Notwendigkeit bzw. Nützlichkeit nicht in Frage. Eine digitale Anfertigung ist derzeit weder erlaubt noch wirklich sinnvoll.

Denkt man die Digitalisierung des Unterrichts mal in die Zukunft weiter, so gibt es keinen Zweifel, dass Schulaufgaben in den kommenden Dekaden anders aussehen werden. Und zwar ziemlich sicher digital. Verschiedene kleine Bausteine, aus denen sie bestehen könnten, stehen sogar schon heute zur Verfügung. Fünf von ihnen möchte ich hier kurz vorstellen. Die Aufgabe der nächsten zehn Jahre könnte tatsächlich sein, diese Bausteine zu einem Gesamtkonzept zusammenzuführen.

Folgende Überlegungen beziehen sich auf den mir geläufigen Fremdsprachenunterricht, aber ich bin mir sicher, dass andere Fachdidaktiken den Prinzipien zumindest folgen können.

OCR

• Die Umwandlung eines handgeschriebenen Texts in digitalen Text funktioniert bereits verblüffend gut. Wobei es egal ist, ob man handschriftlich auf Papier (einfach abfotografieren oder effizienter als heute einscannen) oder handschriftlich auf einem Tablet schreibt. Computertext ist für viele Korrektur- und Analyseverfahren notwendig.

• Multiple-Choice-Aufgaben zu Hör- oder Textverstehen sind die klassische Domäne elektronischer Systeme. Auch wenn Ankreuz-Prüfungsformen der Ruf nachhängt, recht einfach zu sein, kann ich aus meiner Unterrichtspraxis versichern, dass dem keineswegs so sein muss. Ganz im Gegenteil, der Lehrer kann diese durchaus äußerst komplex gestalten. Für Zuordnungs-, Ausschluss- oder Kategorisierungsaufgaben gilt dasselbe: Die Möglichkeiten sind längst da.

• Lückentexte sind – auf Bairisch gesagt – eh eine gmaahde Wiesn. Der Lehrer muss im Vorfeld ein bisschen überlegen, welche Lösung richtig (1P.), nicht ganz falsch (0,5P.) oder falsch (0P.) ist – das ist aber bereits gelebte Praxis in interaktiven Exen. Kein Problem also. Ganz elegant wäre es natürlich, Lücken handschriftlich auszufüllen, eine OCR-Funktion (siehe oben) läuft drüber und setzt die Buchstaben als Digitaltext ein:
Test-HS

• Ganz futuristisch wird es bei (im Augenblick noch undenkbaren!) Ausspracheübungen. Das gute alte Diktat könnte unter umgekehrten Vorzeichen (der Schüler spricht!) eine Renaissance erleben. Jedes Smartphone und Tablet beherrscht schon heute eine Diktierfunktion in den verschiedensten Sprachen. Warum sollte ein Schüler in einer Schulaufgabe nicht einen vorgegebenen Text auf sein Gerät einsprechen und es wird geschaut, zu wieviel Prozent es zur phonetischen Übereinstimmung mit der Fremdsprache kommt? Die Vorbereitung auf die Sprech-Prüfung muss nicht im Präsenzunterricht geschehen. Technische Unterstützung durch In-Ear-Kopfhörer, ein Mikro mit Nebengeräusch-Unterdrückung, eine eingeübte Programmierung nur auf die eigene Stimme und eine Zeitbegrenzung (alles bereits verfügbar!) könnte in der Zukunft auch in Schulaufgaben das akustische Chaos von 28 gleichzeitig sprechenden Schülern in den Griff kriegen.

• Schülertexte sind also heute schon analysierbar hinsichtlich der Rechtschreibung, der Breite des Wortschatzes (wie viele verschiedene Wörter kommen vor?) und sogar der stilistischen Qualität. Am weitesten in der Entwicklung der Korrekturhilfen ist meiner Erfahrung nach die Autorensoftware Papyrus:

Papyrus

Natürlich sollen die Schüler während des Tests nicht mithilfe dieser Funktionen schreiben. Diese Analysewerkzeuge könnten in eine Software zur Korrekturhilfe integriert werden.

Bald lässt sich mit den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz sicher auch die Textqualität (inhaltliche Stringenz, sinnvolle sprachliche Übergänge, logische Schlussfolgerungen) in einer Weise quantifizieren, die dem bisher vielleicht manchmal auch subjektiven Lehrerurteil gleichkommt – oder dieses sogar übertrifft. Ein erster Schritt ist in Papyrus ebenfalls schon integriert. In fünf farbkodierten Stufen wird die Lesbarkeit eines jeden Absatzes in Prozent angezeigt:

Papyrus - Silanalyse

Eine ganz grundsätzliche Kenntnisnahme dieser Perspektiven würde ich mir natürlich von mebis wünschen, unserer einzig datenschutzrechtlich wasserdichten schulischen Lernplattform hier in Bayern. Dazu müsste man natürlich weg von einem Webdienst hin zu einer App, am besten plattformunabhängig, die allen genannten Anforderungen gerecht würde, sei es Offline-Modus oder die Nutzung der gerätespezifischen Handschrift- und Spracherkennung, langfristig sogar einer integrierten Stilanalyse à la Papyrus. Der Zugriff über einen Webbrowser hat sicherlich keine Zukunft für neu gedachte Prüfungsformate.

Verfasst von: Gerhard Piezinger | 20. Oktober 2018

Hefteinträge früher und heute

Heute nur ein Ultra-kurz-Artikel zum Thema Geografie, verbunden mit einem Arbeitsauftrag an alle, die über zwanzig Jahre alt sind: Vergleicht bitte mal eure eigenen Hefteinträge zum Thema mit diesem hier.Wolken

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